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Alltagsprobleme von Lernenden sind lösbar

Viele potenzielle Fettnäpfchen, in die Lernende beim Eintritt in die Firma treten könnten, sollten Sie als Berufsbildner/in aus dem Weg räumen. Der Kaufmännische Verband sagt wie.

Für Lernende ist der Eintritt in einen Betrieb nicht einfach. Sie kommen direkt aus der Schule und haben noch keinerlei Erfahrungen mit Betriebskulturen, mit den ungeschriebenen Gesetzen und Regeln, die im Unternehmen herrschen. Zugleich wechseln sie von der Kindheit in die Erwachsenenwelt, die mehr Freiraum gibt, aber gleichzeitig mehr Eigenverantwortung verlangt. Ihre Aufgabe als Berufsbildner/in ist es,
den Lernenden die geltenden Regeln und ungeschriebenen Gesetze zu erläutern und zum Beispiel über unausgesprochene Kleidervorschriften zu informieren.

In vielen Bereichen macht es Sinn, wenn Sie Regeln in einem Reglement festhalten. Die private Nutzung von Telefon, Internet oder Betriebs-Infrastruktur ist ein gutes Beispiel. Der Kaufmännische Verband spricht hier als Arbeitnehmerorganisation aus praktischer Erfahrung. Wichtig ist aber, dass solche Vorschriften für alle Mitarbeitenden gleichermassen gelten. Mit Verhaltensregeln nur für Lernende stossen Sie auf wenig Verständnis.

Wir haben typische Alltagsprobleme mit jungen Menschen in Ausbildung zusammengetragen und erläutern Ihnen, wie Sie diese lösen können:

Schnoddrige Sprache und schlechte Umgangsformen

Jugendliche tragen aus ihrer Freizeit Ausdrücke in den Betrieb, die dort nicht gerne gehört werden. Auch ihre Umgangsformen lassen eventuell zu wünschen übrig. Selbstverständlich dürfen Sie als Berufsbildner/in eine Veränderung anstreben. Verbote nützen allerdings wenig. Es geht um einen langfristigen Bildungsauftrag, den Sie am besten mit Geduld und Ausdauer erledigen. Unter Umständen helfen externe Kursangebote (z.B. Business-Knigge).

Neben der Vermittlung der Fachkompetenzen ist die Unterstützung beim Anpassen an die Arbeits- und Erwachsenenkultur wohl Ihre wichtigste und anspruchsvollste Aufgabe. Sie dürfte Sie die ganze Lehrzeit hindurch begleiten. Handeln Sie dabei mit Augenmass. Die Jugendlichen müssen zwar einen Lernprozess durchmachen, sie sollten aber auch eine gewisse Eigenständigkeit im Ausdruck bewahren dürfen.

Piercings

Piercing ist nicht gleich Piercing. Dezente Nasenstecker sind mittlerweile salonfähig. Nasenpiercings, durchstochene Lippen, Zungen- und Augenbrauenpiercings hingegen sind Ausdruck einer Jugendkultur, die in Ihrem Betrieb vielleicht nicht gern gesehen ist. Wir raten zu Augenmass. Denn bis zu einem gewissen Punkt gehört Körperschmuck zu den Persönlichkeitsrechten. Akzeptieren Sie dies, wenn die Lehre ohne grossen Kundenkontakt absolviert wird.

Sind in Ihrem Betrieb der Kundenkontakt und ein gepflegtes Äusseres aber wichtig, empfiehlt der Kaufmännische Verband, die Lernenden möglichst früh dafür zu sensibilisieren (etwa durch frühzeitige Beschäftigung in entsprechenden Abteilungen). Im besten Fall merken sie selber, welche Bedeutung dem Erscheinungsbild zukommt. Und Sie müssen gar nicht erst intervenieren.

Kleidung

Hier gilt Ähnliches wie bei den Piercings: Jugendliche kleiden sich nun einmal anders als Erwachsene. Bis zu einem gewissen Grad ist das zu akzeptieren. Im Falle von Caps, bauchfreier Kleidung, Flip-Flops, übertriebener Schminke und Ähnlichem ist Ihre Betriebskultur entscheidend. Herrscht bei Ihnen eine legere Kleiderordnung, sollten sich die Lernenden ebenfalls ihrem Geschmack entsprechend anziehen dürfen – auch mit Attributen der Jugendkultur. Gibt es aber Tabus, empfehlen wir Ihnen, diese bereits bei Lehrantritt anzusprechen und durchzusetzen.

Im Front Office und im Detailhandel dürfen Sie ruhig recht weit reichende Kleidervorschriften machen. Denn hier will sich Ihr Unternehmen gegenüber der Kundschaft ein Gesicht geben. Bedenken Sie aber, dass die Lernenden mit ihrem Lohn nicht in der Lage sind, teure Anzüge und Kleider zu kaufen. Hier macht eine zweckgebundene finanzielle Unterstützung Sinn.

Smartphone-Nutzung

Am besten gehen Sie das Thema proaktiv an, also bevor es zu Problemen führt. Machen Sie den Lernenden klar, dass gelegentliche Zweiminutengespräche, etwa um eine Verabredung zu treffen, kein Problem sind. Doch lange Plaudereien gehören in die Freizeit.

Private Nutzung des PC

Machen Sie den Lernden klar: Eine gelegentliche, kurze Privatnutzung wird toleriert (zum Beispiel der schnelle Blick ins Kinoprogramm), aber ausgedehnte Surftouren, Online-Spiele oder Chats auf Facebook liegen nicht drin.

Downloads sind heikel. Einerseits können deshalb Viren ins System eindringen, andererseits halst sich der Betrieb damit eventuell juristische Probleme auf (viele Downloads im Musik- und Unterhaltungsbereich bewegen sich im gesetzlichen Graubereich oder sind gar illegal). Dies dürfen Sie also verbieten, am besten mit einem schriftlichen Reglement.

MP3-Player

MP3-Players dürfen Sie verbieten. Dadurch wird die Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Und die Nutzer/innen geben der Umwelt zu verstehen, dass sie nicht angesprochen werden wollen.

Betriebsfeiern

Zuerst ein rechtlicher Hinweis: Es ist verboten, an Jugendliche unter 16 Jahren Alkohol und an Jugendliche unter 18 Jahren Spirituosen auszuschenken. Je nach Alter sollten Sie für die Teilnahme an solchen Anlässen das Einverständnis der Eltern einholen. Bei minderjährigen Lernenden sollten Sie zudem sicherstellen, dass diese eine sichere Begleitung auf dem Nachhauseweg haben.

An Betriebsfeiern ist Ihre Vorbildfunktion besonders wichtig, sei es bezüglich Alkohol, der Weitergabe von Vertraulichkeiten oder dem Anbieten des Du. Überlegen Sie sich im Vorfeld, welche Grenzen Sie nicht überschreiten wollen und halten Sie sich daran.

Duzis

Auch hier sind die Regeln im Betrieb ausschlaggebend. Wenn sich alle duzen, fühlen sich Lernende ausgeschlossen, wenn sie weiterhin mit dem förmlichen Sie angesprochen werden. Wo es generell förmlicher zugeht, ist eher Zurückhaltung angesagt. Was gar nicht geht: Die Lernenden zu duzen und von ihnen das Sie zu verlangen. In den Berufsfachschulen werden die Lernenden mit dem Vornamen, jedoch in der Sie-Form angesprochen. Dies wird allerdings von vielen Jugendlichen als antiquiert erlebt.

Rauchen

Die Kantone kennen verschiedene Alterslimiten, was den Verkauf bzw. die Abgabe von Zigaretten an Jugendliche anbelangt (in der Regel 16 oder 18 Jahre). Wenn Sie Jugendlichen unter diesen Alterslimiten Zigaretten anbieten, machen Sie sich also unter Umständen strafbar. Ansonsten sollten für Lernende bezüglich Rauchpausen die gleichen Regeln gelten wie für alle Betriebsangehörigen.

Geschäftsessen und Sitzungen

Geschäftliche Mittagessen, Sitzungen und Präsentationen sind heute integrale Bestandteile des Berufslebens. Deshalb macht es Sinn, die Lernenden daran teilhaben zu lassen. Wichtig ist, dass Sie sie gut darauf vorbereiten und auch klar deklarieren, ob sie als Gast oder aktive/r Teilnehmer/in eingeladen sind. Auch gegenüber den anderen Teilnehmenden an solchen Veranstaltungen ist Klarheit angebracht.

Häufige Verspätungen und Absenzen

Hierfür kann es verschiedene Ursachen geben. Vielleicht fehlt den Lernenden schlicht das nötige Bewusstsein. Machen Sie ihnen deutlich klar, dass die bezahlte Arbeitszeit dem Betrieb gehört und dass unbegründete Absenzen nicht akzeptiert werden. Stellen Sie ausserdem klar, dass sie sich in ihrer Freizeit so zu verhalten haben, dass die Arbeit davon nicht tangiert wird, etwa weil sie häufig verschlafen.

Sollte das nichts nützen, raten wir zu einem Gespräch mit den Erziehungsbevollmächtigten. Eventuell verstecken sich hinter häufigen Absenzen schwerwiegendere Probleme. Unter Umständen hegen die Lernenden grundlegende Zweifel an ihrer Berufswahl, was sie demotiviert. Hier sind Sie als Gesprächspartner/in gefragt. Vermuten Sie hingegen Drogenkonsum als Grund für das Fehlverhalten, empfiehlt der Kaufmännische Verband unter Umständen den Beizug externer Fachkräfte.