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Ein System mit Zukunft

    Heute sind viele Business-Modelle nur scheinbar rentabel. Die Kreislaufwirtschaft stellt eine Alternative dar: geschlossene Kreisläufe für Ressourcen und Energie.

    Erfinden, produzieren, verkaufen, nutzen und am Schluss gedankenlos wegwerfen. So funktioniert im Wesentlichen unsere lineare Wirtschaft. Mit einem Input an Ressourcen und Produktionsmitteln stellen Unternehmen Produkte her – je grösser der Output, umso besser. Über Sieger und Verlierer entscheidet nur die Frage, wer mehr Umsatz macht und ein höheres Wachstum erzielt. So ist ein schier unendliches Wirtschaftswachstum das Mantra unserer Zeit. Die Kehrseite des Systems dringt immer mehr ins Bewusstsein vor: In der Schweiz fallen jährlich rund 90 Millionen Tonnen Abfall an. Die Biodiversität leidet, der globale Klimawandel erweist sich als ernst zu nehmende Gefahr. Die Kosten und die Folgen werden nachfolgenden Generationen aufgebürdet.

    Olmar Albers ist Geschäftsleiter des Verbands für nachhaltiges Wirtschaften (früher ökologisch bewusste Unternehmen ÖBU) und setzt sich für ein Umdenken ein: «Der Verschleiss an Gemeingütern wie saubere Luft, Wasser und eine intakte Umwelt schreitet in einem Mass voran, das die Möglichkeiten künftiger Generationen einschränkt.» Als eine der Hauptursachen sieht er die Tatsache, dass der Verbrauch an Gemeingütern in unserem System nicht «eingepreist» ist. Es kostet nichts, die Umwelt mit Unmengen an Abfall und giftigen Stoffen zu belasten. Von Haftung für die verursachten Schäden ganz zu schweigen. Es hat in keinem Business Modell Platz, für den nicht nachhaltigen Verbrauch an Energie und Rohstoffen zu zahlen. Bis jetzt noch nicht.

    Rückgewinnen statt wegwerfen

    Die Kreislaufwirtschaft umfasst die Idee, dass die gesamten Energie- und Ressourcenflüsse geschlossen sind. Ein Aspekt ist die Wiederverwendung und Verlängerung der Nutzungsdauer von Gütern und Produkten. Der Denkansatz kam erstmals in den 1980er-Jahren auf. Zu den Vordenkern gehört der Schweizer Wirtschafts- und Unternehmensberater Walter Stahel. Er war Mitbegründer des Beratungsunternehmens Product Life Institute in Genf. Seine zahlreichen Studien und Publikationen zu Produktzyklen und einem anderen Umgang mit Energie, Material, Wasser und Boden haben ihm viele Preise und internationales Renommee eingetragen (The Circular Economy). Seine Philosophie stösst heute wieder auf starke Resonanz. Denn immer mehr Unternehmen bekennen sich zu einem Richtungswechsel.

    Laut Olmar Albers zirkulieren allerdings rund um diesen Denkansatz viele Missverständnisse: «Es würde viel zu kurz greifen, Kreislaufwirtschaft ganz einfach mit Recycling von Rohstoffen und Materialen gleichzusetzen.» Die Probleme einer solchen Interpretation fangen schon damit an, dass die Recycling-Zyklen begrenzt sind. Zwar sind die Schweizerinnen und Schweizer ausgesprochen fleissig, um Altpapier, Glas oder PET-Flaschen zu sammeln und einer Wiederverwertung zuzuführen. Zumindest wird heute mehr als die Hälfte der Siedlungsabfälle in der einen oder anderen Form rezykliert. Die PET-Getränkeflaschen kommen sogar zu 83 Prozent in eine Sammelstelle, werden sortiert und wiederverwertet.

    «Das PET-Reycling erfolgt zu 100 Prozent in der Schweiz», betont eine Sprecherin von PET-Recycling Schweiz. Erst letzten Frühling habe die hiesige Recycling-Branche die modernste PET-Recyclinganlage Europas in Betrieb genommen. Doch die Gesamtbilanz – inklusive Transport- und Energieaufwand – sieht nicht für alle Materialien gleichermassen glänzend aus. Je nach Rohstoffen und chemischer Zusammensetzung leidet mit jedem Durchlauf die Materialqualität. Das gilt etwa für die Fasern im Altpapier. Kommt dazu, dass manche nicht mehr benötigte Stoffe exportiert werden und letztlich woanders auf dem Globus die Umwelt belasten.

    Kritik an linearer Wirtschaft

    Kreislaufwirtschaft in der Idealform würde stattdessen bedeuten: Die gesamte Wertschöpfungskette eines Produkts von der Rohstoffgewinnung bis zur Rückholung der nicht mehr gebrauchten Erzeugnisse müsste optimal abgestimmt sein. In Reinkultur umgesetzt, dürften weder Rohstoffe noch Energie verloren gehen. Olmar Albers räumt ein, dass eine dermassen konsequente Auslegung derzeit noch Zukunftsmusik ist. Essenziell ist den Verfechtern der Denkprozess: Denn die Unternehmen sollen schlicht davon Abstand nehmen, kurzfristig Umsatzziele hochzuschrauben und, koste es was es wolle, so viele Produkte wie nur möglich auf dem Markt abzusetzen. Damit einher geht eine Umkehr der ganzen Abläufe und Anreize. Nehmen wir ein einfaches Beispiel mit Lampen und Leuchten für den privaten Gebrauch oder auch für Büroräume: Ein Industrieunternehmen dieser Sparte richtete die ganze Geschäftstätigkeit und Vermarktung darauf aus, hohe Stückzahlen an (wenn möglich teuren) Lampen abzusetzen.

    Folgt das Unternehmen aber stattdessen der Vision einer Kreislaufwirtschaft, steht über dem Ganzen jetzt etwas anderes: Das Unternehmen wird seinen Kunden künftig eine Dienstleistung anbieten, zum Beispiel ganz einfach eine gute und funktionale Beleuchtung in einem Bürohaus. Im Fokus ist also nicht der Absatz von Produkten, sondern die Dienstleistung an sich. Somit hat der Anbieter auch einen Anreiz, dass die eingesetzten Lampen langlebig, qualitativ hochwertig und in einem gesamten Lebenszyklus wirtschaftlich und ressourcenschonend sind. Das international tätige Unternehmen Signify (früher Phillips Lighting) setzt diesen Ansatz bereits um.

    Wiederverwendung von Sitzmöbeln

    Mit Nachhaltigkeit und Ideen der Kreislaufwirtschaft setzt sich auch die Firma Girsberger auseinander. Der Schweizer Hersteller von Büro- und speziell Sitzmöbeln führt bereits eine eigene Abteilung unter dem Namen Girsberger Remanufacturing: Sie widmet sich der industriellen Instandsetzung von Mobiliar, vor allem von Sitzmöbeln sowie Saal- und Konzertbestuhlungen. Unternehmensleiter und Mitinhaber Michael Girsberger sagt dazu: «Zur Hauptsache geht es darum,  Produkte nicht einfach zu entsorgen. Mit der Instandsetzung verleihen wir ihnen quasi ein zweites Leben.»

    Konkret umgesetzt hat Girsberger Remanufacturing dies unter anderem bei der Saalbestuhlung des KKL in Luzern. Voraussetzungen für die Weiterverwendung sind in der Regel laut Girsberger grössere Stückzahlen – auch im Bürobereich – sowie hochwertige Materialien. «Das erfordert aber auch», so Michael Girsberger, «dass schon beim Design eines Möbels der ganze Lebenszyklus mitberücksichtigt wird.» Das Schweizer Unternehmen achtet unter anderem darauf, dass sämtliche eigenen Serienprodukte entsprechend konzipiert sind (sortenreine, hochwertige Materialien, die später auch sortenrein recyclierbar sind). Die konkrete Umsetzung einer Idee von Kreislaufwirtschaft ist im Wesentlichen Teil eines umfassenden Nachhaltigkeitsansatzes: Darunter fallen unter anderem ein sozial- und umweltverträglicher Verhaltenskodex für Lieferanten sowie eine zu hundert Prozent klimaneutrale Produktion.

    Eine Frage der Zeit

    Sowohl auf der Ebene der einzelnen Unternehmen als auch im Wettbewerb von Ländern und Produktionsstandorten ticken die Uhren im Moment noch anders. Wer billig produziert und billig verkauft, wird vorerst noch Wettbewerbsvorteile einheimsen. Wie lange noch? Gerade für Schweizer Unternehmen eröffnen sich längerfristig mit der Idee einer Kreislaufwirtschaft interessante Perspektiven: Die hiesige Wirtschaft ist zu einem wesentlichen Teil auf Importe von Rohstoffen aus dem Ausland angewiesen und begibt sich damit in Abhängigkeiten. Früher oder später wird sich ein hoher Grad an Kostenwahrheit durchsetzen: «Unternehmen, die ihre Beziehungen zu Lieferanten und ihre interne Kalkulation anpassen, sind besser für die Zukunft gerüstet», sagt Experte Olmar Albers. Viele Unternehmen, die heute die Handelsmärkte mit Billigware überfluten, werden dann ins Hintertreffen geraten.

    «Es würde viel zu kurz greifen, Kreislaufwirtschaft ganz einfach mit Recycling von Rohstoffen und Materialen gleichzusetzen.»
    Olmar Albers, Verband für nachhaltiges Wirtschaften
    • Jürg Zulliger

      Gastautor Context

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