Seitennavigation & Suche

Eine kryptoklare Sache

    Roger Bittel, 48, ist ein Selfmademan. Der ehemalige KV-Absolvent erklärt auf seinem Youtube-Kanal Cryptowelt, wie Blockchain funktioniert.

    Blockchain ist sein Ding. Die Technologie fasziniert Roger Bittel. Seit einigen Monaten hat er einen eigenen Youtube-Kanal zum Thema. Von Montag bis Freitag ist er über Mittag auf Sendung. Während ca. 20 Minuten unterhält er sich mit Fachleuten, kommentiert das Kryptogeschehen und chattet mit seiner Community. Cryptowelt, so heisst der Kanal, hat unterdessen über 2000 Follower, die Roger Bittels Ausführungen und Interviews folgen. «Blockchain wird die Welt verändern», sagt der Digitalexperte.

    Roger Bittel wohnt und arbeitet in Geroldswil. Ein Zimmer seiner Wohnung hat er zu einem Studio umfunktioniert: Greenscreen, mehrere Bildschirme, hochwertige Mikrofone und Kameras. Die Ausstattung ist professionell. Roger Bittel hat sich das digitale Handwerk selber angeeignet – Broadcast, Video, digitales Gestalten und natürlich sein Wissen über Blockchain. Er ist wie viele andere auch vor Jahren auf den Bitcoin-Hype aufgesprungen, hat Geld verloren und viel gelernt. Er ist ein Selfmademan. War er schon immer.

    Steckenpferd Informatik

    Der Reihe nach. Am Anfang stand eine KV-Lehre, die er 1986 abgeschlossen hat. Roger Bittel kommt aus dem Wallis, wo die beruflichen Möglichkeiten kleiner sind als in einer grösseren Stadt. Vor allem wenn man sich für ganz vieles interessiert. Die Informatik war das Steckenpferd von Roger Bittel. Nach einem Französisch-Aufenthalt am Neuenburgersee und einer Tätigkeit in einer Computerfirma zog er nach Zürich, wo er längere Zeit bei einer Bank im Zahlungsverkehr tätig war. Berufsbegleitend absolvierte er ein Studium in Wirtschaftsinformatik. Nach einiger Zeit im gleichen Job ging er für sechs Monate nach London, lernte Englisch und bildete sich weiter in Betriebsorganisation.

    Roger Bittel ist neugierig und packt immer wieder Neues an. Dabei versucht er, Gelerntes in einem neuen Umfeld anzuwenden. Er trat eine Stelle als Informatiker in einem Psychiatriezentrum an und arbeitete später als Projektleiter bei einem grossen Bildungsanbieter. Daneben liess er sich zum Marketingplaner ausbilden. «Das war ideal, ich konnte meine Interessen in Informatik und Marketing verbinden.»

    Dann kam eine Zäsur. Er kündigte seine Stelle. Am 16. Juni 2010 war sein letzter Arbeitstag. Er wollte sich Zeit nehmen, um herauszufinden, wie seine Zukunft aussehen könnte. Abschalten, etwas ganz anderes machen, sich aus dem hektischen Alltag herausnehmen, und zwar ohne die Sicherheit einer Stellenzusage. Und Roger Bittel wollte wissen, wie es sich anfühlte, ganz auf sich gestellt zu sein.

    Quer durch Europa

    Er packte seinen Koffer und fuhr los, quer durch Europa, München, Venedig, Kroatien, dann nach Belgien, am Schluss landete er in Schweden, wo er vier Wochen alleine in einem kleinen Haus an einem See wohnte. Er begegnete kaum Menschen, aber vielen Tieren. «Ich las in dieser Zeit kein Buch, hörte keine Musik und nutzte das Handy nur für die Wettervorhersage.» Der Einsiedler schrieb in diesen Wochen viele Texte. Er führte Tagebuch, dachte schreibend über sein Leben nach und hielt die Eindrücke seiner Reise fest. Zudem malte er Bilder, was er schon immer gerne tat. «Das Alleinsein war nicht nur einfach, doch intensiv und aufschlussreich.»

    Zurück in der Schweiz, verbrachte Roger Bittel zehn Tage in einem Meditationszentrum im Jura. Er führte gemeinsam mit anderen Menschen ein fast mönchisches Leben: essen, meditieren, spazieren, schlafen – und immer schweigen. Ein stiller Ausklang einer Zeit des Nachdenkens.

    «Ich las in dieser Zeit kein Buch, hörte keine Musik und brauchte das Handy nur für die Wettervorhersage.»

    Dann trat Roger Bittel wieder in das andere, aktive Leben. Nun wusste er, was er wollte: selbstständig sein, ein eigenes Projekt durchziehen, keine geregelten Arbeitszeiten, keine Chefs. Er machte seine Leidenschaft zum Beruf: das Malen. Seine Bilder sind abstrakt, in starken Farben gehalten, illustrativ. Der Künstler gestaltete Karten, bemalte Giveaways sowie Taschen und lancierte so seinen eigenen Brand: Biro-Art. Es lief harzig, klar, von der Kunst leben, das können nur wenige. So diversivizierte er sein Angebot. Er gestaltete für Bekannte Karten, Flyer, Logos und Broschüren, entwarf und programmierte Websites. Später kam die Fotografie dazu. Roger Bittel konzentrierte sich aufs Digitale, sein Business lief immer besser, und der Kundenstamm wuchs. «Man kann heute vieles alleine machen. Die Programme sind erschwinglich, das notwendige Wissen findet man im Netz.»

    Roger Bittel gehört zu den sogenannten Gigworkern, die sich wie Musiker von Auftritt zu Auftritt beziehungsweise von Job zu Job hangeln. Der Freelancer liebt sein freiberufliches Dasein. «Es ist für mich nicht Arbeit im klassischen Sinn. Ich tue, was ich mache, einfach gern.» Unerlässlich ist die Disziplin. Der selbstständige Unternehmer stellt zwar keinen Wecker am Morgen, ein Luxus, wie er findet. Aber nach dem Aufstehen ist er bald am Pult. «Trödeln kommt nicht in Frage.»

    Grosse Freiheit

    Er liebt die Freiheit, denn er kann tun, was er will. «Ich bilde mich weiter und besuche Fachtagungen.» Natürlich muss Roger Bittel darauf achten, dass er Geld verdient. Er macht eine Mischrechnung und finanziert einzelne Projekte quer. «Der Blockchain-Kanal bringt noch wenig ein. Ich investiere da vor allem. Bis zu vier Stunden wende ich für die Vorbereitung einer Sendung auf.» Doch das könnte sich schon bald ändern, denn bei den Firmen mangelt es häufig an Wissen über Blockchain. «Alle reden von der neuen Technologie, aber wenige verstehen sie. Aufklärung tut not.» Roger Bittel, der sich berufsbegleitend zum Blockchain-Manager ausbilden lässt, will sich künftig auf seinem Youtube-Kanal Sendezeit sponsern lassen, von Unternehmen, die in seiner Sendung zu Wort kommen. Erste Zusagen hat er. Zudem wird er Vorträge über Blockchain halten.

    Wenn Roger Bittel über Blockchain spricht, ist seine Faszination spürbar. «Wir sind am Anfang der Entwicklung», sagt er. «Aber Blockchain wird Gesellschaft und Arbeitswelt umkrempeln.  Viele Intermediäre könnten überflüssig werden. Auch die grossen Player, die Herrscher über Milliarden von Daten, Google, Facebook und Co., werden durch Blockchain wohl in Bedrängnis geraten.» Da spricht einer mit viel Wissen: Von Smart Contracts ist die Rede, von Maschinen, die miteinander kommunizieren und selbstständig Zahlungen abwickeln. Von komplett überwachten Lieferketten und von fast absoluter Sicherheit: Bitcoin Blockchain kann praktisch nicht gehackt werden. Und von narrensicherer dezentraler und transparenter Datenspeicherung. Zur Frage, wie sich Künstliche Intelligenz und Blockchain auf den Arbeitsmarkt auswirken wird, sagt der Fachmann: «Es wird geschehen, wovon man schon lange spricht. Tausende von Jobs werden vernichtet, und Tausende entstehen.» Roger Bittel ist das beste Beispiel dafür.

    • Rolf Murbach

    Beliebte Inhalte