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Individualbesteuerung – Ein modernes Steuersystem für Berufsleute

Der Kaufmännische Verband setzt sich für ein faires, zukunftsfähiges Steuersystem ein, welches nicht nur die sogenannte Heiratsstrafe, sondern auch den Hemmschuh für eine höhere Beschäftigung der Frauen eliminiert. Eine smarte zivilstandsunabhängige Individualbesteuerung setzt die richtigen finanziellen Anreize.

Gemeinsame Veranlagung – kurz erklärt

In der Schweiz werden verheiratete Paare vom Bund und von den Kantonen zu Steuerzwecken gemeinschaftlich veranlagt. Damit gehört die Schweiz gemeinsam mit Frankreich und Portugal (Familiensplitting) zu einer Minderheit in Europa. Aufgrund der Steuerprogression führt die gemeinsame Veranlagung zu einer höheren Steuerlast für ein Doppelverdiener-Ehepaar gegenüber einem Doppelverdiener-Konkubinat mit gleichem Haushaltseinkommen. Eine Erwerbsarbeit für Zweiteinkommen, vor allem in Kombination mit betreuungspflichtigen Kindern, lohnt sich kaum mehr. Hinzu kommt, dass rund 90% der Zweitverdiener/innen Frauen sind.

Arbeit muss sich schliesslich rechnen. Es kann nicht sein, dass der Zweitverdienst fast vollends von den Kosten für die Kinderbetreuung verschlungen wird. Das heutige System der Ehepaarbesteuerung setzt Fehlanreize für die Erwerbsarbeit. Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Fehlanreize zu beseitigen: Durch die Abschaffung der Progression (Flat Tax) oder die Einführung einer Individualbesteuerung. Ersteres ist politisch nicht erwünscht. Auch hat die Abschaffung der Progression gemäss Studien (Bick und Fuchs-Schündelin 2017) nur einen minimalen Effekt auf Zweitverdiener/innen.

An dieser Stelle setzt der Vorschlag einer modifizierten Individualbesteuerung an: Er berücksichtigt die zusätzliche finanzielle Belastung von Familien mit Kindern und führt nebst einer horizontalen Steuergerechtigkeit zwischen den Haushaltstypen auch zu positiven Beschäftigungseffekten – insbesondere bei weiblichen Arbeitskräften.

  • Die Einführung einer modifizierten Individualbesteuerung hätte allein bei der Bundessteuer eine Zunahme der Beschäftigung von rund 19 000 Beschäftigten (Vollzeitäquivalente) zur Folge.
  • Auf kantonaler Ebene dürften weitere rund 20 000 bis 40 000 Arbeitskräfte resultieren.
  • Unternehmen könnten so auf ein Fachkräftepotenzial von bis zu 60 000 zusätzlichen vollzeitäquivalenten Beschäftigten zurückgreifen.
    Quelle: Ecoplan Studie zu den volkswirtschaftlichen Effekten und insb. den Beschäftigungseffekten einer Individualbesteuerung (April 2019)

Gemeinsam mit dem liberalen Think-Tank Avenir Suisse und der Frauenorganisation alliance F ist der Kaufmännische Verband mit den Angestelltenverbänden der plattform im Projektbeirat der Studie der Müller-Möhl-Foundation vertreten.

Das Modell einer modifizierten Individualbesteuerung schafft es nicht nur, die Heiratsstrafe abzuschaffen, sondern jegliche Zivilstandsbestrafung in den Steuern und damit auch die negativen Erwerbsanreize auf den Zweiteinkommen zu eliminieren. Dies bei deutlich positiveren Beschäftigungseffekten als beim Vorschlag des Bundesrats (für eine «ausgewogene Paar- und Familienbesteuerung») und geringeren Kosten – einem volkswirtschaftlich deutlich besseren Kosten-Nutzen-Verhältnis.

«Das aktuelle Steuersystem basiert nach wie vor auf dem Familienmodell der Nachkriegszeit.»
Kathrin Bertschy, Nationalrätin glp und Co-Präsidentin der alliance F
  1. Der Kaufmännische Verband fordert die Einführung eines zivilstandsunabhängigen Systems der Individualbesteuerung für die direkte Bundessteuer.

    Ein Übergang zur Individualbesteuerung wäre der konsequentere Weg, um die Zweitverdiener/innen den Erstverdiener/innen gleichzustellen und positive Beschäftigungseffekte zu generieren. Der Systemwechsel soll auch auf Kantons- und Gemeindeebene vorangetrieben werden. 

  2. Als Berufs- und Bildungsverband setzt sich der Kaufmännische Verband schon lange für die Gleichstellung von Mann und Frau und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf, Ausbildung und Privatleben ein. Es müssen steuerliche Anreizsysteme geschaffen werden, um den Anteil an Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Neben besseren Rahmenbedingungen für flexibles Arbeiten oder einer Senkung der Kosten für familienexterne Kinderbetreuung setzt auch eine smarte Individualbesteuerung die richtigen finanziellen Anreize. Die Steuerlast wird unter den zahlreichen Haushaltstypen gerecht und unabhängig vom Zivilstand verteilt.

    Mit einer Individualbesteuerung kann das weibliche Arbeitskräftepotential viel besser genutzt werden. Ausserdem können sich Frauen eine ausreichende Altersvorsorge aufbauen. Wer seine Erwerbstätigkeit während der Familienphase und danach reduziert oder aufgibt, entrichtet weniger Beiträge in die berufliche Vorsorge. Das schmälert die finanzielle Vorsorge für das Alter. Gerade Frauen sind im Alter deshalb finanziell häufig schlechter gestellt und auf staatliche Ergänzungsleistungen angewiesen.

  3. Das aktuelle Steuersystem basiert nach wie vor auf dem Familienmodell der Nachkriegszeit. Auch wenn dieses Modell über die Jahre revidiert wurde, wird es den Ansprüchen der heutigen Gesellschaft nicht mehr gerecht.

    Die Individualbesteuerung wurde zuletzt 2016 im Nationalrat gefordert, Anfang 2018 im Ständerat mit Verweis auf die anstehende Botschaft des Bundesrates zur Familienbesteuerung jedoch abgelehnt. Mitte März 2018 hat der Bundesrat die Botschaft zur «ausgewogenen Paar- und Familienbesteuerung» dann verabschiedet.

    Das vom Bundesrat vorgeschlagene Modell «Mehrfachtarif mit alternativer Steuerberechnung» sieht vor, Ehepaare sowohl gemeinsam wie auch individuell steuerlich zu veranlagen. Zum Tragen kommt letztlich die Veranlagung mit der tieferen Steuerbelastung. Mit dieser partiellen Individualbesteuerung werden negative Anreize zur Erwerbstätigkeit abgeschafft. Gleichzeitig führt der vorgeschlagene Einverdiener-Abzug wiederum zu neuen negativen Erwerbsanreizen und Ehepaare werden steuerlich begünstigt.

    Im April 2019 entschied das Bundesgericht, die Abstimmung über die Volksinitiative der CVP «Für Ehe und Familie – gegen die Heiratsstrafe» aufgrund falscher Zahlen im Abstimmungsbüchlein aufzuheben. Zudem beauftragte er das Eidgenössische Finanzdepartement, in Zusammenarbeit mit dem Eidgenössischen Departement des Innern eine Zusatzbotschaft zum Bundesgesetz «ausgewogene Paar- und Familienbesteuerung» vorzulegen. Zusätzlich zur Revision der Ehepaarbesteuerung sollen bei der direkten Bundessteuer die Kosten für die Drittbetreuung der Kinder steuerlich besser berücksichtigt werden.

    Im Mai 2018 verabschiedete der Bundesrat die Botschaft zur «Steuerlichen Berücksichtigung der Kinderdrittbetreuungskosten». Dieser Vorlage haben der Nationalrat und der Ständerat zugestimmt.

    Die ursprüngliche Initiative, der Vorschlag des Bundesrats sowie eine kantonale Initiative des Kantons Aargau zur Abschaffung der Heiratsstrafe befinden sich heute im parlamentarischen Prozess.

Links & Downloads

Politische Geschäfte

Vernehmlassungen

Sobald die Behörden Themen, die für unsere Mitglieder relevant sind, in die Vernehmlassung schicken, gibt der Kaufmännische Verband eine Empfehlung ab.

Vernehmlassungsantwort zum Geschäft des Bundesrats Nr. 18.050 «Steuerliche Berücksichtigung der Kinderdrittbetreuungskosten»

plattform – Allianz für Angestelltenpolitik

Die Individualbesteuerung wird als plattform-Thema betreut.

Die plattform vertritt die gemeinsamen politischen Interessen von Angestellte Schweiz, des Kaufmännischen Verbandes, der Schweizer Kader Organisation SKO, der Zürcher Gesellschaft für Personal-Management (ZGP) und veb.ch, dem Schweizer Verband für Rechnungslegung, Controlling und Rechnungswesen, gegenüber Politik und Öffentlichkeit. Zusammen vertreten diese Verbände die Anliegen von über 88 000 Mitgliedern in bildungs-, wirtschafts- und angestelltenpolitischen Themen. Ziel ist es, übergeordnete politische Interessen zu bündeln und konsensorientierten und kompromissfähigen Lösungen zum Durchbruch zu verhelfen.

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