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«Es braucht ein flexibles Rücktrittsalter aus dem Arbeitsmarkt»

Podcast: FlexWork, lebenslanges Lernen und gezieltes Altersmanagement

Barbara Aeschlimann, Geschäftsführerin der Zürcher Gesellschaft für Personalmanagement ZGP und Mitglied der politischen Allianz «die plattform», spricht in der zweiten Ausgabe der Podcast-Miniserie des kfmv darüber, wie man sich als Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer in unsicheren Zeiten für den Arbeitsmarkt fit halten kann, wie Arbeitgeber ältere Mitarbeitende im Unternehmen einbinden sollen und welche Rahmenbedingungen es braucht, um lebenslanges Lernen zu ermöglichen.

Text und Interview: Sibylle Zumstein

Barbara, wir werden immer älter. Welche Auswirkungen hat dies auf den Arbeitsmarkt?
«Die Pensionierung gestaltet sich sehr individuell. Man beobachtet, dass sich Menschen mit niedrigerem Einkommen früher aus dem Arbeitsleben zurückziehen, während besser qualifizierte Arbeitnehmende lieber länger arbeiten würden. Das Bedürfnis nach einem individuellen Rücktrittsalter ist ganz klar vorhanden.»

Ältere Arbeitnehmende seien nicht flexibel und oft zu teuer, heisst es…
«Ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind durchaus lernfähig und flexibel, wie auch Studien belegen. Und teuer sind sie da, wo Unternehmen nicht bereit sind, ihr Salärmodell zu hinterfragen. Die Lohnmodelle dürfen nicht mehr darauf ausgerichtet sein, das Dienstalter zu belohnen. Und man muss Themen wie Salär und Hierarchie ansprechen und Rollen anpassen. Mit offener und transparenter Kommunikation lassen sich oft gute Lösungen finden.

Anders ist es bei der Vorsorge, insbesondere bei den Beiträgen an die 2. Säule. Diese sind höher, je älter die Arbeitnehmenden werden. Hier wünschen wir uns eine Abflachung der Kurve. Auch das Thema Einheitstarif darf man durchaus diskutieren!

Es braucht dort Stellenangebote für ältere Arbeitnehmende, wo diese noch arbeiten wollen. Hier sind die Unternehmen gefordert. Was wir übrigens beobachten ist, dass auch ältere Arbeitnehmende flexibel arbeiten wollen – nicht nur die jüngeren».

Arbeitsmarktfähigkeit auch in Krisenzeiten
Die Corona-Krise hat auch den Druck auf die Lohnkosten verschärft, weshalb ältere Arbeitnehmende – und auch junge Berufseinsteiger – eher entlassen werden oder keine Stelle finden. Diese beiden Altersgruppen sind in der aktuellen Krise besonders stark betroffen.

Barbara Aeschlimann betont: «Trotzdem müssen Unternehmen vorausschauen und sich überlegen, wie sie mit den unterschiedlichen Generationen zusammenarbeiten. Es gibt viele tolle Initiativen, aber auch Fälle, in denen die Unternehmen nicht realisieren, dass die Arbeitsmarktfähigkeit der Mitarbeitenden ein wichtiges Thema wäre. Oft auch nicht auf sich, also das Unternehmen selber bezogen – wie regle ich meine Nachfolge, wie geschieht der Know-how-Transfer? Es braucht keine neue Abteilung für Altersmanagement, aber eine offene Kultur und Vorbilder in der Führung. Darüber kann man ganz viel steuern.» 

«Das Zauberwort heisst Flexibilisierung.»
Barbara Aeschlimman, Geschäftsführerin der Zürcher Gesellschaft für Personalmanagement ZGP und Mitglied der politischen Allianz «die plattform»

Arbeitnehmende müssen beruflich fit bleiben
«Arbeitnehmende müssen sich immer die Frage stellen: Was kann ich tun, um auf dem Arbeitsmarkt attraktiv zu bleiben? Wie bleibe ich gesund? Was interessiert mich? Oft braucht es keine lange oder teure Weiterbildung, aber man muss dranbleiben. Die kürzlich veröffentlichte Umfrage der plattform, der politischen Allianz unabhängiger Arbeitnehmer-​ und Berufsverbände, hat gezeigt, dass sich viele der 7'500 befragten erwerbstätigen Personen nicht ausreichend um ihre Weiterbildung kümmern und sich nicht überlegen, wie sie für den Arbeitsmarkt fit bleiben können.»

Es fehlt an Eigeninitiative bei den Arbeitnehmenden
«Oft gehen ältere Arbeitnehmende lieber auf das Angebot der frühzeitigen Pensionierung ein, anstatt eine Alternative in Betracht zu ziehen. Und diese Alternativen gibt es in vielen Unternehmen: Von internen Stages oder Boxenstopps bis zur Standortbestimmung oder einer externen Weiterbildung. Bietet das Unternehmen keine Orientierungshilfe, kann man sich bei Berufsverbänden oder privat Unterstützung holen. Das können überschaubare Investitionen sein. Es ist wichtig und nötig, sich dies im letzten Drittel seiner Karriere noch einmal ganz genau zu überlegen», betont Barbara Aeschlimann weiter.

Neue Arbeitsformen: Coworking, Homeoffice, FlexWork
Ortsunabhängig und flexibel zu arbeiten ist in vielen Branchen und Berufen bereits heute möglich. Unternehmen sind gegenüber neuen Arbeitsformen viel offener geworden. Das ist nicht zuletzt dem Digitalisierungsschub durch die Corona-Krise zu verdanken, als viele Betriebe innert kürzester Zeit auf Homeoffice umstellen, sich anders organisieren und neue digitale Tools einführen mussten. In der Syndicom-Umfrage vom Mai 2020 sagen 60 Prozent der Befragten, dass sie Berufs- und Privatleben besser vereinbaren können, wenn sie von zuhause arbeiten. Und 90 Prozent möchten Homeoffice als Ergänzung zur Arbeit vor Ort weiterführen. Auch in der plattform-Umfrage zu den Arbeitsbedingungen während des Lockdowns, die ebenfalls im Mai 2020 durchgeführt wurde, sagten 96 Prozent der Befragten, gut von zu Hause arbeiten zu können. 52 Prozent möchten künftig mehr im Homeoffice arbeiten und 45 Prozent möchten mehr virtuelle Sitzungen durchführen.

«Im Grundsatz sind die neuen und flexiblen Arbeitsformen eine Frage der Organisation», so Barbara Aeschlimann. Das fordere die Unternehmen natürlich, doch diese könnten sich gleichzeitig mit Konzepten wie FlexWork als attraktive Arbeitgeber positionieren.

Coworking bietet – oft im Gegensatz zum Homeoffice – den Vorteil einer guten Infrastruktur, man kann soziale Kontakte pflegen und sich Büroräumlichkeiten teilen. Dies muss natürlich zur Funktion und Aufgabe passen und eignet sich nicht für jede Rolle oder jedes Unternehmen.

Ein modernes Arbeitsgesetz ist dringend notwendig
Die Erfahrungen mit Homeoffice während der Corona-Krise zeigen auch, dass die Arbeit von zuhause aus nicht nur Vorteile mit sich bringt. Etwa wegen der schlechteren Infrastruktur oder Technik, fehlendem Mobiliar, mangelndem sozialen Kontakt und unklaren oder nichtexistierenden Regelungen in punkto Arbeitszeiterfassung und Pausen.

Deshalb braucht es feste Abmachungen zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden in gewissen Bereichen, das zeigt auch die plattform-Umfrage. Etwa in Bezug auf den Gesundheitsschutz. Dieser ist im Homeoffice nicht geregelt. Das gegenwärtige Arbeitsgesetz ist auf fixe Arbeitszeiten im Betrieb ausgelegt. Es stammt aus dem Industriezeitalter und entspricht nicht mehr den neuen Bedürfnissen der Dienstleistungsgesellschaft. Eine Modernisierung des geltenden Arbeitsgesetzes ist daher dringend notwendig.

Auch die aktuelle Deloitte-Studie «Power Up Switzerland» zu den Erfolgsfaktoren der Schweizer Wirtschaft identifiziert die Flexibilisierung des Rentenalters sowie die Anpassung des Arbeitsrechts an das digitale Zeitalter als dringende Massnahmen auf Bundesebene, um das Erfolgsmodell Schweiz nachhaltig aufrechtzuerhalten und den Wohlstand auch in Zukunft zu gewährleisten. Den Unternehmen empfiehlt die Studie eine «strategische Fokussierung auf neue Arbeitsformen sowie ungenutzte und alternative Arbeitskräfte».

Barbara Aeschlimman ergänzt: «Das Zauberwort heisst Flexibilisierung. Diese muss gesetzlich ermöglicht werden. Einerseits braucht es einen flexiblen Altersrücktritt. Das schafft den Anreiz, länger arbeiten zu können, was wiederum zu einem gesunden und nachhaltigen Altersmanagement beiträgt. Andererseits braucht es eine Flexibilisierung der Arbeitszeit. Wir müssen den neuen Bedürfnissen der Gesellschaft und der Wirtschaft gerecht werden. Und das mit der erforderlichen Rechtssicherheit».

«Oft gehen ältere Arbeitnehmende lieber auf das Angebot der frühzeitigen Pensionierung ein, anstatt eine Alternative in Betracht zu ziehen. Und diese Alternativen gibt es in vielen Unternehmen.»

Neue Arbeitsformen: Coworking, Homeoffice, FlexWork
Ortsunabhängig und flexibel zu arbeiten ist in vielen Branchen und Berufen bereits heute möglich. Unternehmen sind gegenüber neuen Arbeitsformen viel offener geworden. Das ist nicht zuletzt dem Digitalisierungsschub durch die Corona-Krise zu verdanken, als viele Betriebe innert kürzester Zeit auf Homeoffice umstellen, sich anders organisieren und neue digitale Tools einführen mussten. In der Syndicom-Umfrage vom Mai 2020 sagen 60 Prozent der Befragten, dass sie Berufs- und Privatleben besser vereinbaren können, wenn sie von zuhause arbeiten. Und 90 Prozent möchten Homeoffice als Ergänzung zur Arbeit vor Ort weiterführen. Auch in der plattform-Umfrage zu den Arbeitsbedingungen während des Lockdowns, die ebenfalls im Mai 2020 durchgeführt wurde, sagten 96 Prozent der Befragten, gut von zu Hause arbeiten zu können. 52 Prozent möchten künftig mehr im Homeoffice arbeiten und 45 Prozent möchten mehr virtuelle Sitzungen durchführen.

«Im Grundsatz sind die neuen und flexiblen Arbeitsformen eine Frage der Organisation», so Barbara Aeschlimann. Das fordere die Unternehmen natürlich, doch diese könnten sich gleichzeitig mit Konzepten wie FlexWork als attraktive Arbeitgeber positionieren.

Coworking bietet – oft im Gegensatz zum Homeoffice – den Vorteil einer guten Infrastruktur, man kann soziale Kontakte pflegen und sich Büroräumlichkeiten teilen. Dies muss natürlich zur Funktion und Aufgabe passen und eignet sich nicht für jede Rolle oder jedes Unternehmen.

Ein modernes Arbeitsgesetz ist dringend notwendig
Die Erfahrungen mit Homeoffice während der Corona-Krise zeigen auch, dass die Arbeit von zuhause aus nicht nur Vorteile mit sich bringt. Etwa wegen der schlechteren Infrastruktur oder Technik, fehlendem Mobiliar, mangelndem sozialen Kontakt und unklaren oder nichtexistierenden Regelungen in punkto Arbeitszeiterfassung und Pausen.

Deshalb braucht es feste Abmachungen zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden in gewissen Bereichen, das zeigt auch die plattform-Umfrage. Etwa in Bezug auf den Gesundheitsschutz. Dieser ist im Homeoffice nicht geregelt. Das gegenwärtige Arbeitsgesetz ist auf fixe Arbeitszeiten im Betrieb ausgelegt. Es stammt aus dem Industriezeitalter und entspricht nicht mehr den neuen Bedürfnissen der Dienstleistungsgesellschaft. Eine Modernisierung des geltenden Arbeitsgesetzes ist daher dringend notwendig.

Auch die aktuelle Deloitte-Studie «Power Up Switzerland» zu den Erfolgsfaktoren der Schweizer Wirtschaft identifiziert die Flexibilisierung des Rentenalters sowie die Anpassung des Arbeitsrechts an das digitale Zeitalter als dringende Massnahmen auf Bundesebene, um das Erfolgsmodell Schweiz nachhaltig aufrechtzuerhalten und den Wohlstand auch in Zukunft zu gewährleisten. Den Unternehmen empfiehlt die Studie eine «strategische Fokussierung auf neue Arbeitsformen sowie ungenutzte und alternative Arbeitskräfte».

Barbara Aeschlimman ergänzt: «Das Zauberwort heisst Flexibilisierung. Diese muss gesetzlich ermöglicht werden. Einerseits braucht es einen flexiblen Altersrücktritt. Das schafft den Anreiz, länger arbeiten zu können, was wiederum zu einem gesunden und nachhaltigen Altersmanagement beiträgt. Andererseits braucht es eine Flexibilisierung der Arbeitszeit. Wir müssen den neuen Bedürfnissen der Gesellschaft und der Wirtschaft gerecht werden. Und das mit der erforderlichen Rechtssicherheit».

Veröffentlicht am: 6.8.2020

«Es braucht eine offene Kultur und Vorbilder in der Führung. Darüber kann man ganz viel steuern.»

Podcast «Arbeitsmarktfähigkeit und neue Arbeitsformen»

Barbara Aeschlimann im Gespräch

Barbara Aeschlimann, Geschäftsführerin der Zürcher Gesellschaft für Personalmanagement ZGP

  1. Barbara Aeschlimann ist Geschäftsführerin der Zürcher Gesellschaft für Personalmanagement ZGP. Sie ist Co-Autorin des plattform-Leitfadens «Smartes Altersmanagement für das Unternehmen 2.0». Zuvor war Barbara Aeschlimann über 25 Jahre in unterschiedlichen und leitenden HR-Funktionen tätig, zuletzt 14 Jahre lang Leiterin HR bei Ernst & Young. Barbara studierte Sprachwissenschaften an der Universität Zürich.

  2. die plattform ist die politische Allianz unabhängiger Arbeitnehmer-​ und Berufsverbände. Sie setzt sich für starke und selbstbewusste Berufsleute in Dienstleistungs- und Wissensberufen ein. Als Gründungsmitglied gestaltet der Kaufmännische Verband (kfmv) innovative Lösungen in bildungs-​, sozial-​ und wirtschaftspolitischen Dossiers aktiv mit.

  3. Der Podcast entstand in Zusammenarbeit mit unserem Partner VillageOffice. Die 2016 gegründete Genossenschaft entwickelt regionales Coworking. Sie fördert dezentrales Arbeiten und baut ein schweizweites Netzwerk von VillageOffice Partner Spaces auf. Das sind regional verankerte, partizipativ entwickelte Coworking Spaces, eingebettet in ein Netzwerk von lokalen Dienstleistern.

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Moderation und Text

  • Sibylle Zumstein

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