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Die Arbeitswelt verändert sich, und mit ihr die Ausbildung. Das Projekt «Kaufleute 2022» stellt die Weiterentwicklung der kaufmännischen Grundbildung sicher und bringt die nötigen Innovationen.

Die digitalisierte Arbeitswelt hat in den letzten Wochen und Monaten einen echten, wenn auch etwas unverhofften Schub erlebt. Der längerfristige Wandel ist jedoch deutlich vielfältiger: Der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft hält an, der Arbeitsmarkt wird flexibler, die Aufgaben anspruchsvoller und wir arbeiten immer öfters in neuen, weniger hierarchischen Teams. Das bedeutet auch, dass vermehrt andere Kompetenzen gefragt sind, während Routinearbeiten in der Administration oder der Datenerfassung abnehmen. Die Berufsbildung, seit jeher nah an der Praxis, nimmt diese Entwicklungen auf und integriert sie in neue Ausbildungskonzepte. Für den kaufmännischen Beruf hat das Projekt «Kaufleute 2022» Antworten darauf gesucht – und gefunden.

Kompetent handeln im Job

Die konsequente Orientierung an Handlungskompetenzen – also die Ausrichtung an den berufspraktischen Tätigkeiten direkt am Arbeitsplatz – ist eines der ganz grossen Anliegen der Reform. Sie stand für die Schweizerische Konferenz der Kaufmännischen Ausbildungs- und Prüfungsbranchen (SKKAB), die als Trägerin des Berufs auch für die Weiterentwicklung zuständig ist, von Beginn weg im Fokus. Handlungskompetenzen gewinnt man durch praktische Erfahrungen, weshalb der Lehrbetrieb als wichtigster Lernort im Zentrum steht. Die Berufsfachschulen vermitteln Grundlagen- und Anwendungswissen, die überbetrieblichen Kurse branchenspezifisches Know-how – immer ausgerichtet auf konkrete Arbeitssituationen. Wichtig ist dabei auch, dass am Ende der Ausbildung entsprechend geprüft wird: Im Qualifikationsverfahren sollen die Lernenden in den jeweiligen Prüfungssituationen zeigen, dass sie ihr erworbenes Können im Berufsalltag anwenden können.

«Der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft hält an, der Arbeitsmarkt wird flexibler, die Aufgaben anspruchsvoller und wir arbeiten immer öfters in neuen, weniger hierarchischen Teams.»
Michael Kraft

Künftige Anforderungen

Die Lernergebnisse der Ausbildung sind im so genannten Qualifikationsprofil beschrieben. Im Unterschied zur heutigen Lehre bestehen neu fünf Handlungskompetenzbereiche mit ausdifferenzierten Handlungskompetenzen, die für alle Lernorte identisch sind:

  • A Handeln in agilen Arbeits- und Organisationsformen
  • B Interagieren in einem vernetzten Arbeitsumfeld
  • C Koordinieren von unternehmerischen Arbeitsprozessen
  • D Gestalten von Kunden- und Lieferantenbeziehungen
  • E Einsetzen von Technologien der digitalen Arbeitswelt

Dahinter stehen einzelne Handlungskompetenzen, wie zum Beispiel Kaufmännische Projektmanagementaufgaben ausführen und Teilprojekte bearbeiten, Informations- und Beratungsgespräche mit Kunden oder Lieferanten führen oder Betriebsbezogene Inhalte multi-medial aufbereiten.

Ein Schwerpunkt der neuen Ausbildung liegt darin, dass junge Kaufleute erfolgreich digitale Technologien einsetzen können und sich in der neuen Arbeitswelt zuhause fühlen. Dazu gehören jedoch nicht nur digitale Tools, sondern im besonderen Masse auch Sozial-, Methoden- und Selbstkompetenzen. Junge Lernende sollen deshalb beispielsweise früh lernen, selbstständig zu arbeiten, vermehrt in Teams zu agieren, sich zu reflektieren und praxisorientiert Probleme zu lösen.

Individuelle Stärken fördern

Das kaufmännische Berufsfeld ist sehr vielfältig: Kleine, mittelständische Unternehmen bilden ebenso Lernende aus wie internationale Grosskonzerne. In manchen Lehrbetrieben ist die professionelle Kommunikation in verschiedenen Sprachen das A und O, in anderen stehen technologische oder finanztechnische Aufgaben im Zentrum. Mindestens so divers sind die Voraussetzungen und die Talente der einzelnen Lernenden. Mit der neuen Ausbildung wird es deshalb vielfältige und weniger starre Möglichkeiten geben als mit den heutigen Profilen, um auf diese individuellen Stärken und die Anforderungen der Lehrbetriebe einzugehen.

Ein erstes Element bilden die vier Optionen oder Vertiefungsrichtungen, die gegen Ende der Ausbildung hinzukommen: 1. Kommunikation mit Anspruchsgruppen in der Landessprache, 2. Kommunikation mit Anspruchsgruppen in der Fremdsprache, 3. Finanzen und 4. Technologie. Dabei wird keine Theorie auf Vorrat gelernt, sondern die neu erworbenen Kompetenzen können im Betrieb praktisch und konkret eingesetzt werden.

Auf die Stärken der Lernenden und die Bedürfnisse der Lehrbetriebe wird auch in der Vermittlung der Fremdsprachen eingegangen: Eine Fremdsprache ist obligatorisch, welche dem Einsatzgebiet des Betriebs entsprechend gewählt werden kann. Eine zweite Fremdsprache hat weiterhin eine grosse Bedeutung und wird als Wahlpflichtfach angeboten, ohne dass alle Lernenden dieses wählen müssen.

Schliesslich wird es für schulisch starke Lernende mit dem Ziel Studium auch künftig möglich sein, die Berufsmaturität während der Lehre zu besuchen und abzuschliessen.

«Ein Schwerpunkt der neuen Ausbildung liegt darin, dass junge Kaufleute erfolgreich digitale Technologien einsetzen können und sich in der neuen Arbeitswelt zuhause fühlen.»
Michael Kraft

Talentförderung in der Grundbildung

In einem persönlichen Portfolio können die Lernenden ihren individuellen Ausbildungsgang dokumentieren und nachweisen. Dort finden auch alle «Extrameilen», die jemand während seiner Ausbildung gegangen ist, ihren Platz – sei das der bilinguale Unterricht, ein besonderes IT-Zertifikat oder ein Auslandaufenthalt. So können die Talente aller Lernenden optimal gefördert werden.

Das eidgenössische Fähigkeitszeugnis steht selbstverständlich nicht am Ende, sondern eher am Beginn der individuellen Entwicklung. Ganz im Sinne des lebenslangen Lernens bietet die kaufmännische Grundbildung auch in Zukunft unzählige Anschlussmöglichkeiten, zum Beispiel zur Berufsmaturität nach der Lehre (BM2) oder zur höheren Berufsbildung. Ein wichtiges Augenmerk liegt deshalb auf diesen Schnittstellen. Nach dem Grundsatz «Kein Abschluss ohne Anschluss» wird auch die Ausbildung Büroassistent/in EBA überarbeitet und neu positioniert.

Trotz des aktuell schwierigen Umfeldes konnte der Zeitplan für die Entwicklungsarbeiten eingehalten werden. Damit kann voraussichtlich im Sommer die Vernehmlassung der vorliegenden Resultate unter den kaufmännischen Ausbildungs- und Prüfungsbranchen gestartet werden. In den Fokus rückt bereits jetzt die konkrete Umsetzung an allen drei Lernorten: Lehrbetrieb, Berufsfachschule und überbetriebliche Kurse.

Veröffentlicht am: Juli 2020

«Ganz im Sinne des lebenslangen Lernens bietet die kaufmännische Grundbildung auch in Zukunft unzählige Anschlussmöglichkeiten, zum Beispiel zur Berufsmaturität nach der Lehre (BM2) oder zur höheren Berufsbildung.»
Michael Kraft

Weitere Informationen

Autor

  • Michael Kraft

    Leiter Bildung beim Kaufmännischen Verband

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