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Für eine vielfältige Gesellschaft

    Menschen mit einer Beeinträchtigung stehen in der Berufswelt oft im Abseits. Inklusion funktioniert nur, wenn alle mitziehen.

    Elvis ist ein ganz erstaunlicher Vierbeiner: Er kann spüren, wenn Rosa Flückiger müde wird und ein Krampfanfall naht. Dann stupst der Pudel seine 23-jährige Halterin an, um sie zu warnen. Ab diesem Zeitpunkt hat die junge Frau rund 20 Minuten Zeit, um sich an einem sicheren Ort hinzulegen. Ein Krampfanfall dauert ein bis fünf Minuten – Flückigers ausgebildeter Epilepsiewarnhund bleibt während der ganzen Zeit an ihrer Seite. «Das Kontaktliegen von Elvis beruhigt mich, so dass die Anfälle weniger heftig ausfallen», erklärt Flückiger. Sowieso ist Pudel Elvis ein Segen: «Er ist sozusagen mein Frühwarnsystem, denn ich selbst merke nicht, wenn sich ein Anfall anbahnt.» Das gebe ihr enorm viel Sicherheit und sie könne deutlich entspannter leben.

    Bei der gelernten Bäckerin-Konditorin wurde vor drei Jahren das chronische Müdigkeitssyndrom diagnostiziert: Sie ist deutlich schneller erschöpft als andere Menschen. Wird sie müde, beginnt sie zu krampfen, ähnlich wie bei einem epileptischen Anfall. Die Arbeit in ihrem angestammten Beruf wurde deshalb zu gefährlich: «Es war eine Frage der Zeit, bis es beim Hantieren mit den grossen Maschinen zu einem Unfall gekommen wäre.»

    Absage statt Interesse

    Eine Umschulung tat Not und Flückiger entschied sich für eine kaufmännische Ausbildung. Die Lehrstellensuche war jedoch schwierig: Die meisten Unternehmen machten sich Sorgen um ihre Sicherheit, wollten keinen Hund im Büro oder hatten Angst vor der Verantwortung. «Die Betriebe lehnten lieber sofort ab, statt sich mit der Krankheit zu beschäftigen oder das Gespräch mit mir zu suchen.» Nach rund 50 Absagen fand sich mit dem vegetarischen Gastrounternehmen Hiltl AG in Zürich endlich ein Lehrbetrieb, der offen war, eine Lernende mit Beeinträchtigung aufzunehmen. Sie freut sich, trotz ihrer Einschränkung eine Lehrstelle gefunden zu haben. «Es brauchte einen langen Atem und viel Durchhaltewillen bei der Stellensuche», meint sie rückblickend.

    Bereicherung für das Unternehmen

    Rosa Flückiger lebt den Traum vieler Menschen mit psychischer oder körperlicher Beeinträchtigung: Ein normales, selbstbestimmtes Leben zu führen und einem bezahlten Job nachzugehen. Um dieses Ziel zu erreichen, benötigen sie enorm viel Anstrengung, Motivation und Willen – dass die Gesellschaft und die Wirtschaft sie zusätzlich beruflich ausgrenzt, scheint bei diesen Voraussetzungen mehr als ungerecht. Doch nicht selten haben die knapp anderthalb Millionen Menschen mit Behinderung, die in der Schweiz leben, kaum eine Chance, einen Ausbildungsplatz zu finden – obwohl in der Schweiz seit 2004 das Behindertengleichstellungsgesetz gilt, das Benachteiligungen verhindern soll. Besonders punkto Arbeit ist dies mehr als wünschenswert: «Ein Beruf hilft Menschen, sich in der Gesellschaft wohler zu fühlen», ist Jeanette Dietziker, Leiterin Abteilung Bildung und Wohnen bei Pro Infirmis Zürich überzeugt. Zwar gebe es im geschützten Arbeitsbereich Möglichkeiten für eine Anlehre. «Doch das ist für viele nicht ideal.»

    Inklusion ist deshalb nicht nur in der Schulbildung wichtig, sondern auch im Aus- und Weiterbildungsbereich. Dabei handelt es sich nicht allein um Aspekte wie Wissenstransfer oder Entlastung der IV. «Es geht auch darum, dass Menschen mit und ohne Beeinträchtigung im sozialen Bereich gegenseitig enorm viel voneinander lernen können», betont Dietziker. Dafür benötige es jedoch Offenheit und Interesse. «Als Lehrbetrieb muss man parat sein für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und erkennen können, dass dies eine Bereicherung ist.» Zudem gilt es laut der Fachfrau, jede Unterstützung zu nutzen: «Behindertenorganisationen und Fachstellen können beraten und begleiten», rät Dietziker.

    Aufklärung ist wichtig

    Für Menschen mit einer Sinnesbeeinträchtigung ermöglichen digitale Medien zwar neue Wege der Teilhabe. Dies führt jedoch auch zu Verunsicherungen, denn Branchenverbände stehen damit vor neuen Herausforderungen. Damit der Computer eine Webseite, ein digitales Lehrmittel oder einen Prüfungsbogen vorlesen kann, müssen die Inhalte barrierefrei gestaltet sein. Der kaufmännische Verband Schweiz hat entsprechend reagiert: «Wir haben unsere Lehrabschlussprüfungen nun auch für sehbehinderte Lernende optimiert», erklärt Nicole Cornu, Jugendberaterin beim  Verband.

    Der kfmv überarbeitete die Qualifikationsverfahren-Prüfungen für Sehbehinderte und passte die unterschiedlichen Hilfsmittel an. «Wir arbeiteten dabei eng mit der Schweizerischen Fachstelle für Sehbehinderte im beruflichen Umfeld zusammen», so Cornu. Da nun immer mehr Jugendliche aus der integrativen Volksschule kommen und eine duale Berufsbildung starten, wird die Diskussion um die Möglichkeiten der beruflichen Integration sowie der zu leistenden Unterstützung künftig noch bedeutsamer, vermutet die Jugendberaterin. Aufklärung sei deshalb wichtig. «Je besser potentielle Lehrbetriebe über eine Beeinträchtigung informiert sind, umso effektiver können Zerrbilder korrigiert und Ängste abgebaut werden», ist Cornu überzeugt.

    Gebärden als Muttersprache

    Trotz allem ist es oft ein harter Kampf, mit einer Behinderung eine Aus- oder Weiterbildung zu absolvieren. Denn es gilt nicht nur Ausbildungsstätten zu überzeugen, sondern auch Ämter. «Dank des Behindertengleichstellungsgesetzes ist es zum Glück leichter geworden und das Recht auf Weiterbildung ist gesetzlich verankert», sagt der gehörlose Viktor Buser. Der gelernte Elektriker arbeitet an der Fachstelle für Gehörlose in Basel und ist im Vorstand des Schweizerischen Gehörlosenbund tätig. Seit Herbst 2018 absolviert der 49-Jährige eine Weiterbildung zum Fachmann Sozialversicherung an der Handelsschule KV Aarau. Die IV finanziert Buser für die zweijährige Weiterbildung die Gebärdenspracheübersetzung. «An einem Schultag sind jeweils zwei Gebärdensprache-Dolmetscherinnen anwesend, die sich alle zehn Minuten abwechseln», erklärt Buser. Die Dolmetscherinnen bereiten sich schon im Voraus auf den Unterrichtsstoff vor, damit sie sinngemäss und korrekt übersetzen können. Trotz der Unterstützung ist die Weiterbildung für Buser anstrengend. «Hörende Menschen können mitlesen, während die Lehrperson unterrichtet. Ich kann aber jeweils nur einen raschen Blick auf den Beamer werfen und muss mich gleich wieder auf die Gebärden konzentrieren», erklärt Buser.

    Für die Abschlussprüfung will er einen Nachteilsausgleich einfordern. «Gehörlose haben eine schlechte Deutschkompetenz, denn unsere Muttersprache ist das Gebärden», so Buser. Deshalb möchte er seine schriftliche Prüfung mündlich mit einem Gebärdensprache-Dolmetscher ablegen. Für Buser besteht im Ausbildungsbereich gerade bei Themen wie Nachteilsausgleich noch viel Handlungsbedarf. «Diversität ist zum Modewort geworden, aber es müssen auch Taten folgen», fordert er. Der Traum der inklusiven Gesellschaft, in der es Platz für alle Menschen hat, ist in der Schweiz noch längst nicht Realität. Aber das muss nicht so bleiben, wie Jeanette Dietziker von Pro Infirmis sagt: «Wir alle können dazu beitragen.»

    • Helen Weiss

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