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«Viele erinnern sich irgendwann an ihren Traumberuf»

Immer mehr Menschen wagen Mitte Arbeitsleben nochmals etwas Neues. Bernadette Höller sagt, worauf es ankommt, damit ein Neustart gelingt.

Die Büroangestellte, die ihr eigenes Café eröffnet oder der Arzt, der Lastwagenfahrer wird – wie häufig sind solch grundlegende Neuorientierungen?

Bernadette Höller: Solche krassen Beispiele sind wohl noch eher die Ausnahme. Doch dass man sich im Laufe eines langen Lebens beruflich ab und an neu ausrichtet, wird häufiger. Entweder, weil man will oder weil man muss.

Gehen wir zuerst auf das Wollen ein. Welches sind häufige Gründe, einen neuen Beruf zu ergreifen?

Viele werden sich irgendwann bewusst, dass ihnen die Leidenschaft in ihrem Beruf fehlt und sie einen Teil ihrer Fähigkeiten nicht nutzen können. Sie beginnen zu bilanzieren und erinnern sich an ihren ursprünglichen Traumberuf oder entwickeln neue Ideen.

In welcher Lebensphase findet dieser Prozess typischerweise statt?

Oft setzt er zwischen 40 und 50 ein. Vorher haben die meisten zu wenig Zeit zum Nachdenken. Denn zwischen 30 und 40 befinden sich viele in der Rushhour des Lebens. In diesen Jahren kumulieren sich berufliche und familiäre Aufgaben: Beförderungen, Weiterbildungen, Kinder. Denn unglücklicherweise forcieren viele  Unternehmen die Weiterentwicklung ihrer Mitarbeitenden ausgerechnet in dieser Lebensphase. Wir versuchen, Firmen dafür zu sensibilisieren, dass auch etwas ältere Mitarbeitende häufig offen wären für Veränderungen und teilweise den Kopf auch wieder freier haben.

Welches sind häufige Wege für eine Neuorientierung?

Manche entwickeln sich innerhalb ihres Unternehmens oder ihrer Branche weiter. Sie wechseln etwa vom Personalbereich in die Kommunikation, von der Buchhaltung in die Kundenbetreuung oder umgekehrt. Für solche Schritte genügen meist Neugier, kleinere zielgerichtete Weiterbildungen, eine gute Einarbeitung sowie schlaue Vorgesetzte.

«Wir versuchen, Firmen dafür zu sensibilisieren, dass auch etwas ältere Mitarbeitende häufig offen wären für Veränderungen und teilweise den Kopf auch wieder freier haben.»
Bernadette Höller

Wie soll man vorgehen, wenn man einen grundlegenderen Richtungswechsel anstrebt und seinen Traum vom eigenen Business verwirklichen will?

Am Anfang steht die Frage: Was passt wirklich zu mir? Wichtig ist, nicht nur dem Bauchgefühl zu folgen, sondern sich gründlich mit den eigenen Fähigkeiten und Ressourcen, aber auch Defiziten auseinanderzusetzen. Helfen kann auch ein ehrliches Feedback von Freunden und Bekannten. Sowieso macht es Sinn, das private Umfeld von Anfang an in den Veränderungsprozess einzubeziehen. Denn ohne deren Unterstützung wird es schwierig. Nützlich sind auch die gute alte Plus-Minus-Liste oder das gedankliche Ausarbeiten von Varianten mit kurz- und längerfristiger Perspektive.

Und dann, wenn sich eine Idee herauskristallisiert hat? Kündigen und sich kopfüber ins neue Abenteuer hineinstürzen?

Wer sich selbstständig macht, muss sich zeitweise auf 16-Stunden-Tage sowie eine finanzielle Durststrecke einstellen. Neben der Entwicklung des Geschäfts und dem Gewinnen von Kunden ist auch der administrative Aufwand nicht zu unterschätzen: Man muss sich plötzlich um die Buchhaltung, Versicherungen, Bewilligungen etc. kümmern. Viele Selbstständige schaffen es leider nicht, ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufzubauen.

Wie kann man es behutsamer angehen?

Meist ist ein agiles Vorgehen zielführender: Schritt für Schritt, damit man Fehler möglichst früh macht und rechtzeitig justieren kann. Und unbedingt sollte man das neue Berufsfeld mal von innen anschauen, bevor man das alte vollends aufgibt. Plant man zum Beispiel, ein Café zu eröffnen, wäre es ratsam, in den Ferien ein paar Wochen in einem Café zu arbeiten und zu schauen, ob der Alltag wirklich den Vorstellungen entspricht. Zudem macht es Sinn, mit Personen zu sprechen, die einen ähnlichen Weg gegangen sind.

Angenommen, man wagt den Schritt in die Selbstständigkeit tatsächlich. Wozu raten Sie in der Anfangsphase?

Wichtig ist eine Marktanalyse. Bleiben wir mal beim Beispiel der Café-Eröffnung: Wenn es in meinem Quartier bereits acht Cafés gibt, wird es schwierig. Entweder man sucht dann einen anderen Ort, der noch unterversorgt ist, ober man muss sich sehr deutlich von den bestehenden Lokalen abheben, also etwas Herausragendes anbieten. Dasselbe gilt für einen allfälligen Berufswechsel im Angestelltenverhältnis: Man sollte die Jobaussichten berücksichtigen. Denn viele unterschätzen den Wert des Gebrauchtwerdens im Vergleich zum Traumausleben.

«Am Anfang steht die Frage: Was passt wirklich zu mir? Wichtig ist, nicht nur dem Bauchgefühl zu folgen, sondern sich gründlich mit den eigenen Fähigkeiten und Ressourcen, aber auch Defiziten auseinanderzusetzen.»
Bernadette Höller

Wie kann man einen beruflichen Neustart finanzieren?

Heutzutage gibt es nicht wenige, die über ein finanzielles Polster verfügen, weil sie gut verdienen, geerbt haben oder Unterstützung von der Partnerin oder vom Partner erhalten. Dies erlaubt es, mal ein, zwei Jahre herumzuexperimentieren. Ansonsten bietet sich ein Teilzeit-Modell an, bei dem man ein kleines Pensum beibehält und daneben allmählich etwas Eigenes aufbaut. Viele machen dies, wenn es auf die Pensionierung zugeht, um auch nachher noch weiterarbeiten zu können. Wenn man nicht darauf angewiesen ist, seinen ganzen Lebensunterhalt mit der neuen Tätigkeit zu verdienen, ist es natürlich einfacher.

Und was für Möglichkeiten bieten sich ohne finanzielles Polster?

Es gibt Bereiche, in denen ein Fachkräftemangel herrscht: Etwa in der Pflege, bei den Lehrpersonen oder in vielen technischen Berufen. Hier gibt es Möglichkeiten, eine Quereinsteiger-Ausbildung zu machen, bei der man schon bald ein wenig verdient. Zudem hat man eine hohe Sicherheit, nachher einen Job zu finden.

Nun sollten wir noch über diejenige Gruppe sprechen, die zu einer beruflichen Veränderung gezwungen wird.

Genau. Mit dem schnellen Wandel der Arbeitswelt – vor allem durch die Digitalisierung – stehen einige vor der Tatsache, dass es ihren Beruf in wenigen Jahren in dieser Form gar nicht mehr geben wird.

Wie kann man darauf reagieren?

Den Prozess mitverfolgen, teilnehmen, sich einbringen. Statt etwa die Digitalisierung einfach über sich ergehen zu lassen, sollte man versuchen, zu einer positiven, aktiven Haltung zu gelangen. Zum Beispiel, indem man sich zur Verfügung stellt, neue Tools zu testen, Schulungen zu besuchen und das Gelernte weiterzugeben. So gewinnt man kontinuierlich Aufgaben dazu und entwickelt sich fliessend weiter. Man spricht von Job-Crafting: mehr aus seinem Job machen.

Woran scheitern Umorientierungen am häufigsten?

An den Lohnvorstellungen und am Sicherheitsbedürfnis. Natürlich verdient man nach einem Neustart meist erstmal weniger. Doch ist es ein tolles Einkommen wirklich wert, 20 Jahre in einem Job weiterzuarbeiten, der einem keine Freude macht? Das sollte man sich schon überlegen. Viele brauchen nämlich gar nicht so viel zum Leben, sondern halten an einem hohen Lohn fest, weil sie ihren Selbstwert daran koppeln.

Sie selber sind noch nicht mal 40 und haben bereits zwei Startups gegründet. Was treibt Sie an?

Es macht mir grossen Spass, Netzwerke zu nutzen, Synergien zu suchen und über Grenzen zu springen. So bin ich auf meine Ideen und Geschäftspartnerinnen gestossen. Unter anderem habe ich eine Plattform für die Region Berlin lanciert, auf der Pflegeleistungen bewertet werden können. Auch die Neustarter-Stiftung haben wir 2016 mit viel Kreativität neu aufgebaut. Nur über das Machen findet man heraus, was funktioniert und was nicht.

Veröffentlicht am: 27.01.2021

«Es gibt Bereiche, in denen ein Fachkräftemangel herrscht: Etwa in der Pflege, bei den Lehrpersonen oder in vielen technischen Berufen. Hier gibt es Möglichkeiten, eine Quereinsteiger-Ausbildung zu machen, bei der man schon bald ein wenig verdient.»
Bernadette Höller

Zur Person

  • Bernadette Höller

    Gerontologin und Geschäftsführerin der Neustarter-Stiftung, die unter anderem von der Zürcher Kantonalbank und der Helvetia-Versicherung getragen wird. Die Stiftung fördert berufliche Veränderungen ab 45, indem sie Unternehmen im Generationenmanagement begleitet sowie Stammtische und Netzwerkanlässe für Berufstätige organisiert. Zudem engagiert sie sich in der Forschung und vermittelt erfahrenen Erwerbstätigen Praktikumsplätze in Startups.

Weitere Informationen

Autor

  • Rolf Murbach

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