«Meine Lehre hat mir geholfen, erwachsen zu werden»
Der 18-jährige Dylan hat gerade die Abschlussprüfungen seiner KV-Lehre am Westschweizer Hauptsitz von Coop in Vufflens-la-Ville (Waadt) abgelegt. Im Interview blickt er auf die dreijährige Ausbildung und seine persönliche Entwicklung zurück. Zudem erzählt er, wie er die Prüfungen erlebt hat, und spricht über seine Zukunftspläne.
Wenn du heute auf deine gesamte Lehrzeit zurückblickst, welchen Rat würdest du dir im ersten Lehrjahr geben?
Keine Angst vor der Welt der Erwachsenen zu haben. Als ich bei Coop anfing, war ich 15 Jahre alt, schüchtern und besorgt beim Gedanken, von der Welt der Jugendlichen in die der Erwachsenen zu wechseln. Die Gesprächsthemen sind anders, und man muss auf seinen Wortschatz achten… Heute würde ich mir selbst sagen, dass ich keine Angst haben soll. Die Leute sind nett und reden gerne mit uns. Man muss sie einfach nur kennenlernen, mehr nicht!
Hat dich während deiner Lehre irgendetwas gestört? Was würdest du ändern, wenn du könntest?
Was die Arbeit an sich betrifft, würde ich nicht viel ändern. Mein Ausbildungsbetrieb hat sich stark für die Reform der KV-Lehre engagiert, und ich wurde gut begleitet, insbesondere bei der Durchführung der Praxisaufträge. Was den Unterricht angeht: Wenn ich etwas ändern könnte, dann wären es die zwei aufeinanderfolgenden Schultage im ersten und im zweiten Jahr. Es war schwierig, zwei Tage hintereinander Schule zu haben, vor allem, wenn Tests anstanden und man zwischendurch abends noch lernen musste. Ausserdem war am Anfang alles etwas schwierig, da ich zum ersten Jahrgang der Reform gehörte. Diese wurde zu schnell eingeführt: Die Lehrer waren noch nicht bereit. Während der drei Jahre unserer Ausbildung erhielten wir widersprüchliche Informationen, und es war schwer, zu wissen, was uns wirklich erwarten würde.
Inwiefern hast du dich deiner Meinung nach in den drei Lehrjahren am meisten weiterentwickelt, sei es in Bezug auf deine beruflichen Fähigkeiten, deine Einstellung zur Arbeit oder deine Persönlichkeit?
Ich bin reifer geworden. Als ich bei Coop anfing, war ich noch ein Kind. Im Laufe meiner Ausbildung bekam ich immer mehr Verantwortung. Das hat mich reifen lassen. Viele Menschen in meinem Umfeld sagen, dass ich mich verändert habe. Ja, meine Lehre hat mir geholfen, erwachsen zu werden.
«Heute würde ich mir selbst sagen, dass ich keine Angst vor der Welt der Erwachsenen haben soll. Die Leute sind nett und reden gerne mit uns. Man muss sie einfach nur kennenlernen.»Dylan, KV-Lernender bei Coop
Wie sind deine Prüfungen im Rahmen des Qualifikationsverfahrens (QV) gelaufen?
Die schriftliche Abschlussprüfung war etwas speziell. Wir hatten nur wenig Zeit und mussten ein KI-Tool nutzen. Wir erhielten einen Text mit verschiedenen Aufgaben, die es zu erledigen galt. Also habe ich zuerst den Text und dann nacheinander alle Aufgaben in das KI-Tool eingegeben und es gebeten, sie zu bearbeiten. Anschliessend habe ich das Ergebnis überprüft. Ich finde das extrem seltsam. Es wurde nicht mal geprüft, was ich in meiner dreijährigen Ausbildung gelernt hatte. Ich glaube, selbst jemand, der diese drei Jahre nicht absolviert hat, könnte diese Prüfung bestehen. Ich bin ein wenig enttäuscht, dass wir ein KI-Tool nutzen mussten, auch wenn es einfacher ist. Bei den mündlichen Prüfungen musste ich selbst nachdenken. Das ist befriedigender.
* Die schulischen Abschlussprüfungen werden handlungskompetenzorientiert durchgeführt. Sie umfassen eine digitale schriftliche Prüfung mit offenem Internetzugang sowie eine mündliche Prüfung ohne Hilfsmittel. Geprüft werden praxisnahe berufliche Handlungssituationen, wobei auch der reflektierte Einsatz digitaler Tools Teil der Prüfung ist. Ergänzt werden die schulischen Abschlussprüfungen durch die betriebliche mündliche Abschlussprüfung sowie die Erfahrungsnoten aus Betrieb, überbetrieblichen Kursen und Berufsfachschule. Die Abschlussnote ergibt sich aus dem Zusammenspiel dieser verschiedenen Qualifikationsbereiche. Dadurch wird gesamthaft beurteilt, welche Kompetenzen angehende Kaufleute während ihrer dreijährigen Ausbildung erworben haben und wie sie diese in beruflichen Handlungssituationen anwenden können.
Wirst du in deinem Ausbildungsbetrieb bleiben, oder ziehst du einen Branchenwechsel in Betracht?
Bei Coop ist derzeit keine Stelle in der Verwaltung frei. Entweder ich finde ein anderes Unternehmen, oder ich arbeite in einer anderen Coop-Filiale, wenn möglich, in einer der kleinen Filialen in meiner Nähe, da ich noch meinen Militärdienst leisten muss. Ausserdem muss ich nächsten Juni die Berufsprüfung wiederholen, um mein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) zu erhalten, da ich sie nicht bestanden habe. Bisher habe ich aber noch nicht nach Arbeit gesucht. Ich muss erst einmal darüber nachdenken, wie es weitergeht.
Wenn du an deine Anfänge in der Arbeitswelt zurückdenkst, worauf bist du am meisten stolz? Und gibt es etwas, das dir noch ein bisschen Angst macht?
Als ich mit 15 Jahren meine Lehre begann, fiel es mir schwer, mich einzufinden, und ich hatte schlechte Noten. Wenn ich heute auf meinen Weg zurückblicke, bin ich stolz: Ich habe es geschafft, mich wieder hochzuarbeiten. Ich habe durchgehalten und nicht aufgegeben. Auch die Reife, die ich gewonnen habe, erfüllt mich mit Stolz. Was mir immer noch Angst macht, ist die Verantwortung. Ich habe Angst, den Anforderungen der Arbeit nicht gerecht zu werden. Denn es gibt ständig Neues, und man muss sich immer wieder in Aufgaben einarbeiten. Aber ich sage mir: Ich schaffe das!
Was erwartest du von einem Arbeitgeber? Und von der Arbeitswelt?
Unterstützung und Respekt. Unterstützung bei dem, was ich leiste, und Respekt gegenüber den Regeln und den Menschen. Respekt ist wichtig. Und zwar in beide Richtungen. Auch im Team ist Respekt unerlässlich, schliesslich sieht man sich jeden Tag. Ich schätze ausserdem Geselligkeit und Gelegenheiten für einen Austausch, auch wenn wir natürlich zum Arbeiten da sind. Ebenfalls wichtig ist mir, dass die Arbeit gerecht verteilt wird, dass alle ihren Job machen – aus Respekt vor den anderen – und dass nicht einige mehr leisten müssen als andere.
Veröffentlicht am: 1.9.2026
Autor:in: Christine Theumann
«Von einem Arbeitgeber erwarte ich Unterstützung bei dem, was ich leiste, und Respekt gegenüber den Regeln und den Menschen. Respekt ist wichtig. Und zwar in beide Richtungen.»Dylan, KV-Lernender bei Coop
Steckbrief Dylan: Der Kontaktfreudige
Kampagne «mini Lehrzyt»
Der Kaufmännische Verband Schweiz begleitet die vier Lernenden Chloe, David, Dylan und Nari während ihrer Lehrzeit. Sie berichten zweimal jährlich über ihren Lehralltag und die Erfahrungen in der Schule und im Betrieb. Dabei erfahren wir, was sie sich von ihrer Lehrzeit erhoffen, mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert werden und wie sie sich auf den Berufsalltag vorbereiten.
Die Lernenden haben ihre Lehre im August 2023 angefangen und arbeiten nach dem System der neuen KV-Reform. Neben dem Fokus auf Handlungskompetenzen eignen sie sich Fachwissen und Fähigkeiten an, die sie auch branchen- und berufsübergreifend einsetzen können. Damit ihnen nach der Lehrzeit alle Möglichkeiten offenstehen.
Jetzt entdecken!
Kontakt
-
Kommunikation
Kaufmännischer Verband Schweiz