Automatisiertes Polit-Monitoring: Die KI sichtet, der Mensch entscheidet.

Wie behält ein Verband den Überblick über Tausende parlamentarische Geschäfte? Gemeinsam mit Forschenden der ETH Zürich entwickelte der Kaufmännische Verband Schweiz ein KI-gestütztes Politmonitoring, das die tägliche Informationsflut strukturiert und den Fachpersonen mehr Zeit für politische Entscheidungen verschafft.

Politische Interessenvertretung beginnt lange bevor ein Geschäft im Parlament zur Abstimmung kommt. Wer seine Interessen in die politische Debatte einbringen will, muss früh erkennen, welche Geschäfte relevant werden könnten. Auch der Kaufmännische Verband Schweiz betreibt deshalb bereits seit Jahren ein politisches Monitoring. «Das Monitoring ist die Grundlage unserer politischen Interessenvertretung», sagt Prisca D'Alessandro, Leiterin Politik und Unternehmensentwicklung beim Kaufmännischen Verband Schweiz. «Nur wenn wir wissen, welche Geschäfte laufen, wie sie sich entwickeln und wo sie im politischen Prozess stehen, können wir zum richtigen Zeitpunkt aktiv werden und unsere Interessen einbringen.»

Diese Aufgabe wurde für den Verband in den vergangenen Jahren immer anspruchsvoller. Einerseits ist da die schiere Masse an Geschäften. Jährlich werden rund 3'500 neue parlamentarische Geschäfte in allen Landessprachen eingereicht. Hinzu kommt, dass ein Geschäft oft über mehrere Jahre hinweg hängig ist. Es wird in Kommissionen vorberaten, in den Räten diskutiert, allenfalls geändert und kehrt für weitere Beratungen in die verschiedenen Gremien zurück. «Dieser Prozess kann sich über Jahre erstrecken», erklärt D’Alessandros Vorgängerin Ursula Häfliger, die während den vergangenen neun Jahren Verantwortliche Politik beim Kaufmännischen Verband Schweiz war. 

Manuelles Monitoring stiess an Grenzen

Auch die politische Arbeit des Verbands selbst wurde in den vergangenen Jahren breiter. Mit dem Engagement in der politischen Allianz die plattform, in der mehrere Arbeitnehmer- und Berufsverbände ihre Interessen koordinieren, erweiterte sich ab 2019 auch das Spektrum der relevanten Geschäfte. «Früher konzentrierte sich das Monitoring vor allem auf die Themen Bildung, Sozialpartnerschaft und einzelne Themen der sozialen Sicherheit wie etwa die Altersvorsorge», sagt Ursula Häfliger rückblickend. «Neu kamen weitere Dossiers hinzu – etwa zu Arbeitsmarkt oder EU-Themen.» 

Bis anhin beruhte das Politmonitoring weitgehend auf manueller Arbeit. Neue parlamentarische Geschäfte wurden gesichtet, in Excel-Listen erfasst, thematisch eingeordnet und über ihren gesamten politischen Verlauf hinweg nachverfolgt. Je breiter das für den Verband relevante politische Themenspektrum wurde, desto schwieriger wurde es, den Überblick zu behalten, sagt Ursula Häfliger. «Die Gefahr, dass man Dinge verpasst, ist bei einem solchen System relativ gross. Irgendwann habe ich gemerkt: Ich brauche Hilfe.»

Gemeinsames Projekt mit der ETH

Für Ursula Häfliger war klar: Das Politmonitoring musste neu gedacht werden. Gesucht war jedoch keine komplexe Informatiklösung, sondern ein Werkzeug, das den Arbeitsalltag spürbar erleichtert. Der entscheidende Impuls kam aus ETH-Weiterbildungsprogramm für datenbasierte Innovationen. Ursula Häfliger brauchte dafür einen konkreten Anwendungsfall aus ihrem Berufsalltag. «Das Politmonitoring bot sich perfekt an: Die Daten des Schweizer Parlaments sind öffentlich zugänglich, die Arbeitsabläufe sind klar definiert, der potenzielle Nutzen einer intelligenten Vorselektion ist gross und die Kosten können tief gehalten werden.» 

Gemeinsam mit Forschenden der ETH Zürich und des Swiss Data Science Center (SDSC) entstand zunächst eine Machbarkeitsstudie. Nachdem diese vielversprechende Ergebnisse lieferte, wurde das Projekt 2025 mit Unterstützung der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung Innosuisse weiterentwickelt. Die Rollen waren klar verteilt: Während das Forschungsteam die technische Lösung entwickelte, definierten die Fachexpertinnen des Kaufmännische Verbands Schweiz, welche politischen Geschäfte für ihre Arbeit relevant sind. Als Trainingsgrundlage dienten frühere manuelle Monitorings. So lernte das Modell Schritt für Schritt, relevante Geschäfte zuverlässig zu erkennen.

Keine fertige politische Beurteilung

Seit diesem Juni prüft das System täglich die neu eingereichten und veränderten parlamentarischen Geschäfte. Es bewertet, welche davon für den Kaufmännischen Verband Schweiz relevant sein könnten und erstellt daraus monatlich eine priorisierte Übersicht. «Als ich den ersten Output gesehen habe, war das ein Wow-Moment», sagt Prisca D'Alessandro. «Wenn ich daran denke, dass diese Übersicht früher von Hand erstellt werden musste und nun innert kurzer Zeit vorliegt, ist das beeindruckend.»

Die zuständigen Fachpersonen erhalten jedoch keine fertige politische Beurteilung, sondern eine strukturierte Vorauswahl. Die Verantwortung bleibt somit weiterhin vollständig beim Menschen. «Die KI übernimmt grob gesagt das Sichten, Einschätzen und Liefern. Der Mensch übernimmt den ganzen Rest», sagt Ursula Häfliger und betont: «Personen mit Fachwissen und betrieblicher Erfahrung werden wichtiger, nicht weniger wichtig.»

Zu diesen «menschlichen» Aufgaben gehören die politische Bewertung, die Rücksprache mit den Fachabteilungen und der Entscheid, ob der Verband zu einem Geschäft politisch aktiv wird oder lediglich weiter beobachtet. «Wir können uns heute viel stärker auf das Bewerten, das Ziehen von Schlussfolgerungen und die eigentlichen Handlungsmöglichkeiten konzentrieren», sagt D'Alessandro. «Das ist eigentlich der spannende Teil unserer politischen Arbeit.»

Erfahrung weitergeben

Für Prisca D'Alessandro geht der Nutzen dieses Projekts über das Politmonitoring hinaus. Das Projekt zeige ganz konkret, wie KI Mitarbeitende unterstützen könne. «Der Learning-Effekt ist riesig für die Organisation», sagt sie. «Man muss Mitarbeitende befähigen, konkret mit KI zu arbeiten und solche Beispiele finden, die wirklich hilfreich sind.» Die Erfahrungen wolle der Verband auch mit anderen Organisationen teilen und damit aufzeigen, wie sich KI sinnvoll in den Arbeitsalltag integrieren lässt.
 

Erstmals veröffentlicht am: 08.10.2026
 

Autor:in: Ismail Osman, Schriber Kommunikation

«Als ich den ersten Output gesehen habe, war das ein Wow-Moment»
Prisca D'Alessandro, Leiterin Politik und Unternehmensentwicklung beim Kaufmännischen Verband Schweiz

Beliebte Inhalte