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Altersvorsorge: «Ob es wohl zum Leben reicht?»
Viele Frauen jonglieren mehrere Verantwortungen – für Familie, Beruf und Betreuung. Ihre finanzielle Absicherung bleibt dabei oft auf der Strecke. Wieso dem so ist, teilen uns vier Detailhandelsfachfrauen mit. Im Gespräch berichten sie über fehlendes Finanzwissen, Überforderung mit komplexen Fachbegriffen und finanzielle Sorgen. Ihre persönlichen Geschichten zeigen, wie dringend verständliche Informationen rund um das Thema Vorsorge benötigt werden – und wie wichtig es ist, frühzeitig die eigene Zukunft zu planen.
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Vorsorge im Alltag
Vorsorge ist ein grosses Wort – und dennoch für viele Menschen ein fernes Thema. Besonders im Detailhandel, wo Arbeitsverhältnisse oft von Teilzeit, Stundenlöhnen und prekären Pensen geprägt sind, liegt der Anteil Frauen unter der Eintrittsschwelle in die Pensionskasse bei über 80%. Die Mehrheit der Frauen, die in Teilzeit arbeiten und unter dieser Eintrittsschwelle liegen, tun dies nicht freiwillig: Familiäre Verpflichtungen, wie z.B. Care-Arbeit, zwingen viele in flexible Arbeitsmodelle wie Teilzeit oder Stundenlohn, die eine nur eingeschränkte oder gar keine ausreichende Altersvorsorge ermöglichen.
Gespräche mit den Detailhandelsfachfrauen Dahlia, Deborah, Desirée und Dominique* zeigen: Das Thema Vorsorge ist präsent, wird aber meist zu spät angegangen. «Ich wünsche mir, im Alter genug Geld zum Leben zu haben», teilt uns Dahlia mit. Sie ist erst 19 Jahre alt und arbeitet seit ihrem Lehrabschluss Vollzeit. «Nicht im Luxus, aber auch nicht in Armut. Ich hätte gerne finanzielle Sicherheit», ergänzt Deborah, Anfang 30, Mutter und Teilzeitangestellte. Ob sie denn schon etwas unternommen hätten? «Nein» bedauern beide. Sie wissen nicht, wo sie sich konkret informieren können. Auch machen sie sich derzeit eher Sorgen um das Jetzt – steigende Konsumentenpreise, Gesundheitskosten, Mietpreise usw. – und nicht um die zukünftige Vorsorge.
Fehlendes Wissen, komplexe Sprache
In der Schweiz ist die Altersvorsorge Bestandteil der ökonomischen Allgemeinbildung. Im Lehrplan 21 (LP21) wird das Thema im Fachbereich Wirtschaft, Arbeit, Haushalt (mit Hauswirtschaft) auf der Sekundarstufe I behandelt. Dabei lernen Schüler:innen finanzielle Risiken zu verstehen, langfristig zu planen und die Grundsätze des 3-Säulen-Systems der Schweiz. Für diejenigen, die fest im Berufsleben stehen, liegt die Schulbildung jedoch schon einige Jahre zurück. Das inzwischen erhaltene Info-Material der jeweiligen Arbeitgeber:innen und Pensionskassen wird oft als komplex und schwer verständlich wahrgenommen.
Die befragten Detailhandelsfachfrauen berichten übereinstimmend von mangelnden Informationen oder Informationen, die mit Fachbegriffen überfrachtet sind. «Mich ärgert, dass es mega viel Informationen mit mega vielen Fachbegriffen gibt. Es müsste unbedingt einfacher erklärt werden», so Dahlia. Viele fühlen sich überfordert und alleingelassen mit komplexen Dokumenten, die kaum jemand wirklich versteht. «Ich weiss zum Beispiel nicht, ob die Zahl auf meinem Pensionskassen-Brief wirklich auf mich zutrifft, oder ob das nur ein Rechenbeispiel ist», berichtet Deborah weiter.
«Ich wünsche mir, im Alter genug Geld zum Leben zu haben.»Dahlia, Lehrabgängerin und Vollzeitangestellte im Detailhandel
Teilzeit als Risikofaktor
Teilzeitarbeit ist im Detailhandel weitverbreitet – und gleichzeitig einer der häufigsten Gründe für Vorsorgelücken. Besonders betroffen: junge Mütter. Deborah bringt es auf den Punkt: «Ich weiss, dass ich nie wieder Vollzeit arbeiten werde, weil ich Kinder habe, um die ich mich kümmern muss. Dann frage ich mich schon, ob es im Alter reichen wird – für Lebensmittel, Miete und ein sorgloses Leben nach der Pensionierung.» Ein Blick auf ältere Kundinnen im Laden lässt sie unruhig werden: «Viele ältere Menschen können sich Alltagssachen nicht mehr leisten und kaufen nur noch das allergünstigste Brot ein, um die letzten Rappen zu sparen. Das zu sehen, macht mir Angst.»
Erwachen in der Lebensmitte
Auch bei den anderen Frauen zeigt sich: Die Realität von tiefen Pensen und fehlender Aufklärung führt oft zu einem radikalen Erwachen in der Lebensmitte. Dominique ist als Kind in die Schweiz gezogen. Heute ist sie Mitte 50 und arbeitet Teilzeit. Sie erzählt von ihrem älteren Bruder: «Als er vor ein paar Jahren pensioniert wurde, hat er die Schweiz verlassen und ist in unser Heimatland zurückgekehrt, weil ihm das Geld nicht ausreichte.» In ihrem Heimatland seien die Lebenskosten deutlich tiefer als in der Schweiz, erklärt Dominique. Dort ermöglichen das Pensionskassengeld und die AHV-Rente zwar ein gutes Leben – ihr Bruder musste jedoch einen kompletten sozialen Neustart machen. «Seitdem weiss ich: Ich will vorbereitet sein. Ich will in dem Land bleiben, in dem ich meine Familie gegründet habe.»
Desirée, Mitte 50 und ehemalige Stundenlohn-Angestellte, teilt ihre Sorgen: «Als meine Mutter mit 58 den Job verlor, hat sich für uns Kinder alles verändert. Erst dann haben wir das Thema Vorsorge in der Familie ernst genommen.» Zu diesem Zeitpunkt hat sie auch festgestellt, wie viele andere in ihrem Umfeld von Altersarmut betroffen sind. Während die einen Ergänzungsleistungen benötigen, probieren andere mit dem wenig Geld so gut es geht auszukommen. Vor allem der Wohnungsmarkt bereitet grosse Sorgen, dass die Altersvorsorge aufgrund der hohen Mieten nicht mehr die Grundbedürfnisse abdecken kann.
«Cash or Crash»: Spielerischer Zugang zu einem ernsten Thema
Mit der neuen Partnerschaft zwischen dem Kaufmännischen Verband Schweiz und alliance F wird der Zugang zur Vorsorge jetzt einfacher und verständlicher. Die Plattform «Cash or Crash» zeigt anhand realitätsnaher Lebensszenarien auf, welche Auswirkungen berufliche und private Entscheidungen – wie Familiengründung, Teilzeit oder Jobverlust – auf Lohn und Altersvorsorge haben. Das Besondere: Der Ansatz ist spielerisch und niedrigschwellig, dabei aber fundiert. Nutzer:innen bekommen nicht nur Zahlen geliefert, sondern auch ein besseres Gefühl für Zusammenhänge – und für die eigene Handlungsfähigkeit. Die Plattform steht allen Interessierten kostenlos zur Verfügung.
Finanzielle Bildung muss früh beginnen
Die Gespräche mit Dahlia, Deborah, Desirée und Dominique zeigen, dass ein wachsendes Bewusstsein rund um das Thema Vorsorge vorhanden ist, aber dass Finanzwissen und gezielte Unterstützung fehlen. «Keiner meiner ehemaligen Arbeitgeber hat sich je verpflichtet gefühlt, seine Mitarbeitenden über das Thema Vorsorge zu informieren», sagt Desirée verärgert. «Was bedeutet es, im Stundenlohn oder auf Abruf zu arbeiten? Was für Auswirkungen haben flexible Arbeitsformen auf die Vorsorge? Ich habe damals nicht verstanden, wie wichtig das Thema eigentlich ist.»
Ein zentrales Anliegen aller Befragten: Das Thema muss früher und verständlicher vermittelt werden. Nicht erst mit Mitte 50, wenn die Pension kurz bevorsteht. «Man spricht darüber in der Schule, dann nie mehr. Und kurz vor der Pensionierung taucht das Thema plötzlich wieder auf. Man wird mit Briefen und Broschüren überflutet», bemängelt Deborah. «Ich wünsche mir, dass man früher auf die Leute zugeht. Nicht erst dann, wenn es schon zu spät ist.» Die vier Detailhandelsfachfrauen sind überzeugt: Wer seine finanzielle Zukunft kennt und versteht, kann sie auch aktiv mitgestalten.
* Die Namen der Befragten wurden geändert.
«Ich wünsche mir, dass man früher auf die Leute zugeht. Nicht erst dann, wenn es schon zu spät ist.»Deborah, Mutter und Teilzeitangestellte im Detailhandel
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI erstellt.
Erstmals veröffentlicht am: 10.2.2026