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Volksabstimmung vom 14. Juni: «Die SVP-Initiative gaukelt Nachhaltigkeit vor, liefert jedoch keine einzige Lösung für reale Probleme»
Die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» (Nachhaltigkeitsinitiative) greift reale Sorgen auf, die viele Menschen in der Schweiz beschäftigen: Wohnraum, Verkehr, Belastungen im Alltag und Druck auf öffentliche Dienstleistungen. Für den Kaufmännischen Verband Schweiz ist klar: Diese Fragen verdienen seriöse Antworten – welche die Initiative jedoch nicht liefert. Präsident Daniel Jositsch erklärt, warum die Vorlage für Angestellte neue Probleme schafft, v.a. bei Arbeitsmarkt, Lohnschutz und Altersvorsorge.
Weshalb engagiert sich der Kaufmännische Verband Schweiz gegen die sogenannte Chaos-Initiative?
Weil diese Initiative die falschen Antworten auf reale Fragen gibt. Ja, die Menschen sorgen sich um Wohnraum, Infrastruktur oder Stau im Alltag. Der entscheidende Punkt ist: Ein starrer Bevölkerungsdeckel löst keines dieser Probleme. Er schafft neue Unsicherheiten - beim Arbeitsmarkt, bei den bilateralen Verträgen oder bei den Sozialwerken. Die Initiative stiftet also Instabilität und Chaos, anstatt Probleme zu lösen.
Worin liegt aus Ihrer Sicht die Schwäche dieser Vorlage?
Das Grundproblem ist, dass die Initiative auf einem Denkfehler beruht. Sie behandelt sehr unterschiedliche Probleme so, als hätten sie dieselbe Ursache und sieht die Lösung in einer einfachen Zahl. Das greift politisch zu kurz. Wenn wir den Wohnungsmarkt entlasten wollen, brauchen wir gezielte wohnpolitische Massnahmen. Wenn wir Infrastruktur verbessern wollen, müssen wir investieren. Wenn öffentliche Leistungen unter Druck stehen, müssen wir sie stärken. Genau diese Differenzierung fehlt der Initiative. Stattdessen lenkt sie von den eigentlichen politischen Aufgaben ab und kreiert zusätzliche Probleme.
Die Initiant:innen sprechen von Nachhaltigkeit. Wie beurteilen Sie diesen Anspruch?
Nachhaltigkeit ist nicht einfach Begrenzung. Nachhaltigkeit bedeutet für mich, wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Entwicklungen zusammenzudenken. Das heisst konkret: Eine nachhaltige Politik berücksichtigt den demografischen Wandel, die Funktionsweise des Arbeitsmarkts, die Finanzierung der Sozialwerke und die Belastbarkeit unserer Institutionen. Genau diese Gesamtsicht fehlt der Initiative. Sie verspricht Steuerbarkeit, wo in Wahrheit Augenmass, Flexibilität und verantwortungsvolle Politik gefragt wären.
Ein zentrales Thema ist der Arbeitsmarkt. Warum sehen Sie dort Risiken?
Weil unser Arbeitsmarkt auf eine gewisse Flexibilität angewiesen ist. Zuwanderung ist kein Selbstzweck, sondern reagiert auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts. Wenn Unternehmen, Spitäler, Hochschulen oder IT-Firmen Fachkräfte suchen, dann deshalb, weil diese dringend gebraucht werden. Wird dieser Spielraum künstlich eingeschränkt, drohen Engpässe. Und diese Engpässe betreffen nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Menschen, die dort arbeiten.
Können Sie das weiter ausführen: Wie zeigt sich das für Angestellte konkret?
Vor allem über Arbeitsverdichtung. Wenn Stellen nicht mehr besetzt werden können, verteilt sich die Belastung auf weniger Schultern. Das führt zu höherem Druck, zu mehr Stress und zu weniger Handlungsspielraum. Für kaufmännisch-betriebswirtschaftliche Angestellte und Angestellte in Dienstleistungs- und Wissensberufen ist das besonders relevant, weil sie auf funktionierende Teams und genügend personelle Ressourcen angewiesen sind.
Die Initiative wird teilweise als Schutz der Bevölkerung verstanden. Können Sie das nachvollziehen?
Ich verstehe das Bedürfnis nach Orientierung und nach politischer Steuerung in einer geopolitisch schwierigen Lage. Aber entscheidend ist nicht, was eine Vorlage verspricht, sondern was sie bewirkt. Und hier sehen wir erhebliche Risiken für Beschäftigung, Löhne und AHV.
Sie sprechen die Löhne an. Warum könnte die Initiative die Löhne unter Druck setzen?
Weil ohne bilaterale Verträge – und das steht hier ganz klar auf dem Spiel – ein wichtiger Teil des Lohnschutzes geschwächt würde. Das hätte direkte Folgen für die Arbeitnehmenden, da der Lohndruck steigen würde. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Schweiz in der Vergangenheit schon Phasen erlebt hat, in denen Arbeitskräfte zu schlechteren Bedingungen beschäftigt wurden*. Ein Rückfall in Verhältnisse, in denen Menschen austauschbar gemacht und Löhne noch stärker unter Druck gesetzt werden, darf auf keinen Fall passieren.
Und wie ist die Verbindung zu den Renten?
Unsere Altersvorsorge steht schon heute unter dem Einfluss des demografischen Wandels. Für die Finanzierung der Sozialwerke braucht es genügend Erwerbstätige. Diese Erwerbstätigen würden bei einer Deckelung der Bevölkerung automatisch fehlen. Die Bevölkerung im Pensionsalter steigt, gleichzeitig steigen zu wenig Junge ins Erwerbsleben ein. Was fehlt, sind die, die arbeiten.
Entscheidend ist für die Sozialwerke nicht einfach, wie viele Menschen insgesamt in der Schweiz leben, sondern wie viele davon im erwerbstätigen Alter sind. Man kann es sich vereinfacht mit der Schweiz als ein Glas voll farbiger Murmeln vorstellen: Die ständige Bevölkerung in der Schweiz umfasst 100 Murmeln. 20 Murmeln sind grün (unter 20-Jährige), 60 Murmeln sind rot (21 bis 64-Jährige) und 20 Murmeln sind blau (über 65-Jährige). Die roten Murmeln zahlen hauptsächlich in die Sozialwerke ein, die grünen und blauen Murmeln beziehen mehr als sie einzahlen. Wenn aus roten Murmeln nach und nach blaue werden, aber zu wenig neue rote nachkommen, gerät das Verhältnis aus dem Gleichgewicht. Genau dieses Problem würde die Initiative verschärfen. Und deshalb sollten wir sehr sorgfältig mit politischen Vorlagen umgehen, die die Basis von Beschäftigung und Finanzierung schwächen.
Heisst das, die Initiative greift über die Zuwanderungsfrage hinaus?
Ja, absolut. Sie betrifft nicht nur die Zuwanderung, sondern auch die Zukunft des Schweizer Arbeitsmarkts, die wirtschaftliche Stabilität und die Verlässlichkeit unserer Sozialwerke. Gerade deshalb ist sie für alle Angestellte von grosser Bedeutung. Es geht am Schluss um die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen in der Schweiz arbeiten und ihre Zukunft planen können.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft an die Mitglieder des Kaufmännischen Verbands Schweiz?
Die von den Initiantinnen und Initianten geschilderten Probleme existieren – aber eine berechtigte Sorge macht eine falsche Antwort nicht richtig. Die Initiative löst weder Wohnungsnot noch volle Züge noch den Druck auf die Infrastruktur. Stattdessen erhöht sie den Druck auf die Menschen, die dieses Land tragen und verschärft Probleme an anderen Stellen – bei Jobs, Löhnen und Renten. Wer die Interessen der Angestellten ernst nimmt, sagt deshalb: NEIN zur Chaos-Initiative am 14. Juni!
*Von 1931 bis 2002 regelte das sogenannte «Saisonnierstatut» den befristeten Einsatz von ausländischen Arbeitskräften in der Schweiz. Es begrenzte beispielsweise den Aufenthalt der Arbeiter:innen auf max. 9 Monate, verbot den Stellenwechsel und untersagte den Familiennachzug. Das Gesetz wurde 2002 mit der Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU abgeschafft.
Erstmals veröffentlicht am: 18.5.2026
Autor:in: Ursula Häfliger, Kaufmännischer Verband Schweiz
«Wenn der Schweiz relevante Fachkräfte fehlen, steigt der Druck auf alle Arbeitnehmende.»Daniel Jositsch, Präsident Kaufmännischer Verband Schweiz
Infobox
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Ständerat Daniel Jositsch (61) ist Ständerat SP und Präsident des Kaufmännischen Verbands Schweiz. Er setzt sich für faire Arbeitsbedingungen, starke Sozialwerke und verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen für Angestellte ein. Ein Schwerpunkt seines Engagements liegt auf den Interessen von kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Angestellten und Berufsleuten in Dienstleistungs- und Wissensberufen.